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Outland Origins (RO-RPG [GERMAN!])


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#441 Koikun

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Posted 26 July 2017 - 06:39 PM

[Emilia & Markos | ??? | ???]

"Gut, lass mich dir Manieren in den Schädel klopfen," hatte Ewan Sulisan mit einem falschen Lächeln auf den Lippen proklamiert, "Ich werde dafür sorgen, dass du deinen törichten Aufstand selbst da unten niemals vergessen wirst!"
*Da unten...?,* schoss es Markos durch den Kopf, als er sich erhobenen Hauptes vor Emilia stellte. Diese Monster. Mit welcher Gewalt unterwarfen sie sich die Schwachen, die eine Regierung eigentlich zu beschützen hatte, zu Objekten ihrer wahnsinnigen Wissenschaften? Sie verlangten nach ihren lebendigen Leibern. Doch was würde mit ihrem Verstand geschehen?
Aber er war nicht schwach. Markos war nicht schwach, denn er wollte sie beschützen, Emilia, um ausgehend von dieser Entscheidung mit ihr zusammen vorwärtszupreschen und für die Einheit einzustehen. Mit seinem aussagekräftigen Grinsen fühlte er sich selber in den Händen des Wahnsinns, als er vor sich die Rekenber Corporation in Flammen aufgehen wünschte, um den Weg in diese Zukunft zu ebnen. Dafür wollte er kämpfen. Es gab keine Alternativen oder bessere Chancen. Klar, er war unbewaffnet. Aber Ewan Sulisan war geschwächt und besass Schlüssel und Gildenabzeichen. Letzteres würden sie zwar nicht benutzen dürfen, würden sie doch geortet werden können, ersteres hingegen umso besser, um zu entkommen oder sich zumindest zu verstecken. Markos war sich bewusst: Sollte er diese Chance nicht nutzen können, dann würden sie zwar überleben, aber in den Händen des Wahnsinns dieser Leute wäre der Tod vermutlich eine wünschenswerte Alternative.
Er hatte in Ewan Sulisan, beziehungsweise in dessen Beinführung den TaeKwon Meister erkannt, auch Sternengladiator genannt. Ein Sternengladiator bezog seine Macht aus den Gestirnen. Er verpflichtete sich der Sonne, dem Mond oder der See der Sterne und führte im Namen dieser omnipotenten Energiequelle einen bestimmten Kampf. Alles Leben bezog seine Berechtigung aus dem weiten Raum der Himmel. Ein Sternengladiator verfolgte die Mission, aus dem Überfluss der Energie kein Überfluss von Leben entstehen zu lassen. Ein Überfluss von Leben würde zu dessen Verfall führen, also bürdete ein Sternengladiator sich auf, eine bestimmte Spezies in einem bestimmten Gebiet im Zaum zu halten. Dass Ewan Sulisan gerade jetzt vor Potenzial erstrahlte, konnte unmöglich hoffnungsvolles verheissen. Dazu kamen diese kleine Rohre, die ihm aus den Waden ragten und bei denen es sich mit höchster Wahrscheinlichkeit um eine technische Verstärkung der Beinführung handelte.

Markos fokussierte seine gesamte Entschlossenheit, um nicht zu fallen, sodann hatte er [Endure] errichtet. Viel blieb ihm ohne Schwerter ohnehin nicht übrig. Er biss die Zähne zusammen, starrte hinab. Das Blut zu seinen Füssen war nicht mehr einzig fremdes, Scherben schnitten in seine nackten Füsse. Er beugte sich, um sie aus der Haut zu entfernen.
Ewan Sulisan fand sich auf seiner Seite des förmlich durcheinandergewürfelten, gekachelten Verhörraumes ein. Sein Gebiet der Sonne, das er sich mit [Solar Perception] als Jagdgebiet gespeichert hatte, war die Stadt Lighthalzen. Seine Spezies der Sonne, die er sich mit [Solar Opposition] als Jagdwild gespeichert hatte, war die Spezies Mensch. Er war einer von zwei Bodyguards, die die Rekenber Corporation und Präsident Adam von Dieffenbach vor dem Übel beschützten, das in dieser Welt am ehesten zu erwarten war: Der menschliche Eigensinn.
*[Solar Heat]!* Um den Bodyguard umher wogen sich quellende Energiestürme, die in wirbelndem Wellenschlag eine gleissende Kugel um ihn kreierten. *Ein Schutzschild?!,* konfrontierte sich Markos mit der Unwissenheit, als sich vor ihm der blendende Wall erhob. Er erhob sich aus seiner gebeugten Haltung und stellte sich dieser ihm fremden Fähigkeit, denn er kannte zwar die Klasse eines Sternengladiators, nicht aber die Details ihres Ausmasses.
Er ächzte auf, wurde durch die massive Kugel erwischt, als der Bodyguard ihm entgegenmarschierte, und ihm war, als würden die fliessenden Ströme, die sie formierten, aus höllisch heissen Feuern bestehen, die sich nun in seinen Gliedern verbissen. Der Wahnsinn seines Optimismus wich einem Wahnsinn, der sich die Schmerzgrenze immer höher von den Schultern zu stemmen versuchte, denn Fallen war keine Option für ihn, ganz egal wie oft sein Gegner seine Art des Kampfes noch verändern wollte!
Er wurde von den Füssen gerissen. Geblendet durch die gleissenden Ströme durchschaute er es erst nicht, da wurde er neben der bewusstlosen Emilia schon gegen die Wand gepresst. Dieser Schutzschild. Er drückte alles und jeden von sich, ganz egal wie widerstandsfähig ein Körper auch gemacht worden war. Ganz egal wie viel Markos einstecken konnte, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, er konnte noch immer weggedrückt werden. Und da er Schmerzen durchaus noch verspürte, war dies ausserordentlich negativ zu beurteilen, denn wie er erhaschte, musste er sich mit der Wand im Rücken und mit dem Schild im Gesicht wiederfinden, nach hinten gedrückt und immer weiter in der Schaden zufügenden Kugel untergehend. Er konnte seine Arme unter dem Gewicht nicht bewegen und folglich nicht zuschlagen und durch die sich in der Haut verbeissenden Hitze wurden ihm schon wirbelnde Striemen in die Haut gehauen. Schon wieder. Schon wieder wurden ihm alle Auswege geraubt. Schon wieder. Schon wieder drohte ihm die abgrundtiefe Atemlosigkeit.
Er atmete noch. Noch war er nicht in einer Sackgasse angekommen. So lange er noch atmete, hatte er noch nicht verloren. *[Magnum Break]!* Er riss die Arme aufwärts und krallte sich die Wand. Er konnte durch den Schild nicht in die Richtung seines Gegners schlagen, so aber verblieb ihm ein Weg: Er feuerte seinen aufflammenden Schlag aufwärts, liess die Fäuste über sich in einer explosiven Entladung zusammenknallen, sodass nicht nur eine ruckartige Druckwelle durch den Raum schallte, sondern auch Markos abwärts geschossen wurde. Er landete hart auf seinem Hintern und schaute, wie Ewan wie erwartet von der Welle unbeeindruckt war. Dazu kam, dass Markos in eine noch fürchterlichere Position abgesackt war und nun von oben geradezu von der Kugel zerdrückt wurde. Aber...
Ewan zuckte zusammen, als er von oben berührt wurde. Schlagartig stierte er aufwärts, worauf er im Nacken von einem Objekt geschnitten wurde. Er fasste sich dorthin und fand Scherben, gleichzeitig hämmerte Markos seine Fäuste gegen den Boden, er entlud abermals einen [Magnum Break]. Er hatte es vorhin geschafft, sich durch den Schild nach unten zu befördern. Also musste auch das umgekehrte gelten. Das einzige, was der Schild ihm verbot, war die Bewegung auf seinen Gegner zu. Das hatte er erfolgreich ermittelt.
Die Spezies Mensch war die Spezies, gegen die sich die Fähigkeiten seines Gegners richteten. Dieser war perfekt gegen den Menschen gewappnet. Es war folglich nicht sonderlich verwunderlich, dass die Scherben, die Markos beim ersten [Magnum Break] aufwärts gefeuert hatte, problemlos durch den Schild gefallen waren, um für erstklassige Ablenkung zu sorgen.
Mit den Scherben in den Händen und einem angewiderten Ausdruck im Gesicht erfasste Ewan Markos, wie dieser aufwärts geschleudert wurde und sich über dem Schild von der Wand abstiess, um über ihm hinwegzustraucheln und hinter ihm zu landen. Zwischen Schild und Boden war kein Durchkommen, zwischen Schild und Decke hingegen war noch genügend Freiraum für diesen Schachzug geblieben.
Aufjapsend landete Markos an der durchbrochenen Raumabgrenzung, Schnitte frassen sich ihm über den Körper, als seine Masse mit ganzer Wucht auf den Scherben aufsetzte. Doch er war frei. Zumindest für einen Moment. Das Blut rann ihm von den geschlagenen Wunden.
"Du bist besser wieder ein guter Junge," sprach Ewan kühl. Er war zwar überrascht worden, doch es sollte nicht von Bedeutung sein, wie er mit Blick zu Emilia, die sich jetzt direkt neben ihm befand, wusste. "Ansonsten kann ich nicht für die Sicherheit deiner Freunding gara-" - "Ach halt du doch den Mund!," japste Markos, "Mit was willst du uns drohen, wenn du uns töten willst, dann tue es doch einfach, es wäre die beste Alternative zu meinem Sieg!!" Er grinste. Wusste, dass es eindeutiger war: Der Tod war nicht die beste, sondern die einzige Alternative zu seinem Sieg. Er grinste immer noch, als er sich aufraffte. Sein gesamter Körper wurde angetrieben von felsenfester Überzeugung. Von der wahnsinnigen Überzeugung, dass es ganz egal war, wie er und Emilia aus dieser Situation gelangen würden. Ob im Leben oder im Tod. Sie würden zusammen sein.
"Du -!," stammelte Ewan hierauf, dann willentlich abweichend: "Was weisst du denn schon von Sieg! Du stellst dich mir, obschon du weisst, dass meine gesamte Existenz darauf ausgerichtet ist, Burschen wie dir ihre Grenzen aufzuzeigen!" Im Namen der Sonne war er im Kampf gegen Menschen berechtigt, sein Können zu maximieren und sein vollumfängliches Pozenzial auszuschöpfen. Die Menschen würden niemals in der Zukunft ankommen. Die Wissenschaften waren, was die Zukunft der Menschen erst erschaffen und beides getrennt voneinander durch die Hände der Rekenber Corporation gehen lassen würden, um das eine nicht das andere beschmutzen zu lassen!
Aufschreiend hatte sich Markos Teile seines weissen Leibchens vom Oberkörper gerissen, er band sie sich um die blutigen Fäuste und stürmte vorwärts. Ewan fasste ihn in die Augen, er war es diesmal, der sich dem Sturm stellte, und er war nach wie vor von seinem Schild beschützt. "Sei kein naiver Bengel und fall endlich um, du -!!," brüllte er und Markos drosch seine Fäuste zeitgleich gegen den gleissenden Schild: "Ich werde nicht fallen, bevor ich nicht tot bin!!" Er drosch seine Fäuste mit ganzem Schwung gegen den Schild. Die Schmerzen peitschten zügellos durch sie und die Unterarme und er wurden durch den Schild bereits wieder rückwärts weggedrückt. Sich die gebleckten Zähne fast ausbeissend, stemmte er sich gegen den unüberwindbarem Wall.
Aus heiss brennendem Siegesbegehren fixierte er Ewan. Und feuerte einen dritten [Magnum Break] ab. Diese Fähigkeit war einerseits eine explosive Elemententladung, wie die auseinanderschlagenden Zunderzungen betonten. Anderseits stiess sie wie der feindliche Schild alles und jeden gewaltvoll von sich. Das war das Stichwort. Die Stoffe, die sich Markos um die Fäuste gebunden hatte, zerrissen und Scherben, die er im Versteck unter ihnen zwischen den Fingern festgehalten hatte, schossen vorwärts. Wie erfolgreich ergründet worden war, schossen sie ohne Widerstand durch die Kugel. Ewan stockte. Sah die blutverschmierten Splitter nur kurz aufblitzen. Dann jagten sie ihm schon in die endlich gebrochene Miene und er jaulte schmerzerfüllt auf.
Markos rollte sich ab und landete auf den aufgeschnittenen Füssen. [Endure] hatte sich letztlich doch noch bewährt. Er fühlte zwar alles, musste sich dadurch aber nicht aufhalten lassen, wodurch er keine Zeit verlor. Er rannte los, denn vor ihm plätscherte der lichte Schild des Gegners auseinander. Dieser war vorneübergesunken und hatte mit den Händen nach dem Gesicht gegriffen, aus dem er fürchterlich blutete.
Ewan wurde geschüttelt durch den hinterhältigen Gegenschlag, kannte jedoch seine Position. Ein Folgeangriff war zu erwarten. Er konnte sich zwar kaum mehr rechtzeitig wieder aufrichten und den Schild erbauen, eine andere Option jedoch verblieb: [Solar Protection]. Sein gesamter Körper wurde wie als wäre er wieder Kind von der schützenden Umarmung einer Mutter ummantelt. Seine durchgeschüttelte Aura wurde von der mütterlichen Wärme zurück in die rechte Bahn bewegt und er maximierte seine Defensive.
*[Fatal Blow]!!* Markos fegte dem Bodyguard seine geballte Faust von oben gegen den Hals. Der Geschlagene röchelte Blut, wurde mit dem Gesicht fast gegen den Boden gedroschen, was er schweissgebadet verhindern konnte, was er mit einer Menge Glück verband. Er wollte die Scherben in seinem Gesicht lieber nicht tief in seinem Kopf wissen.
Er musste augenblicklich handeln. Er war nach vorne gebeugt und über ihm stand der Schwertkämpfer bereit für seinen nächsten Streich, dem er durch seine Position nie und nimmer rechtzeitig ausweichen können würde. Den Initiator in seinen Waden konnte er nicht beanspruchen, da dieser lediglich seine Beinführung beschleunigte und nicht zur alleinigen Fortbewegung missbraucht werden konnte, sonst hätte er sich jetzt vorwärts und gegen den Schwertkämpfer geschossen. Da eines seiner Augen durch die gläsernen Geschosse erblindet war, wollte er stattdessen [Solar Shadow] in Angriff nehmen, um sein Augenlicht gänzlich aufzugeben und dafür eine unmenschliche Schnelligkeit zu gewinnen. Dadurch würde er rechtzeitig reagieren und dem nächsten Streich des Schwertkämpfers ausweichen können. Das war er, sein Ausweg!
*[Solar Shadow]!* Er erblindete. Doch bestürzt realisierte er, dass er sich nicht bewegen konnte. Er war gelähmt. Er konnte nicht ausweichen, denn nichts rührte sich mehr. [Fatal Blow] hatte ihn seiner Freiheit beraubt und er war seinem Gegner dadurch in jeglicher Hinsicht ausgeliefert, doch das wollte er nicht wahrhaben, zerbissen ging er seinen Plan an, diesen Bengel niederzustrecken, es musste zum Schutz des Präsidenten geschehen, eine Niederlage war ausser Frage!
*[Solar Union]!* Er erhob sich. Er erhob sich, zwar nicht aufrecht und lediglich in seiner benachteiligten Position, doch er stieg empor. Er begann zu schweben. Dafür musste er weder Arme noch Beine in die Pflicht nehmen, sie konnten ungehorsam sein, wie sie wollten, es war nicht von Belang, er brauchte sie nicht, um auszuweichen. Er flog immer höher und aus der Reichweite dieses Bengels.
Er verspürte die Decke im Rücken, als die Lähmung verebbte und er sich wieder bewegen konnte. Er versuchte, die Schmerzen auszublenden, denn es musste mit der jüngsten Entscheidung noch schneller als zuvor gehen, denn er opferte der Sonne mit verstreichender Zeit mehr und mehr seiner Reserven, um fliegen zu können. Dafür aber hatte er dem nächsten Streich seines Gegners ausweichen können, ausserdem hatte sich seine Schnelligkeit perfektioniert und all seine Attacken ignorierten nicht bloss die Defensive des Zielobjektes, nein, sie konnten es auch gar nicht mehr verfehlen. Dann war er eben blind. Im Gegenzug war er unbesiegbar!
Er erstrahlte in sakrosankter Superiorität und schwang sich in strahlendem Sonnensturm abwärts, aus den Waden wurde Rauch geblasen, es war der Abschuss seiner Beute: *[Tornado Kick]!!* Es war der Abschuss seiner Beute. Der Geltung hatte. Seine Beute hatte längst geschossen. Markos hatte längst zurückgeschossen. Er hatte nie einen nächsten Streich geplant gehabt. Als er mit [Fatal Blow] zugeschlagen hatte, hatte Ewan nicht mehr gesehen, dass sein Gegner entgegen jedweder Erwartung einen Schritt zurückgetreten war, um seine Bestrebungen fruchten zu lassen. Ewan hatte infolge der überwiegenden Pein im Gesicht auch nicht bemerkt, dass sein Gegner, als er mit [Fatal Blow] den Hals getroffen hatte, erneut mit Scherben zwischen den Fingern zugeschlagen hatte. Er hatte dem Bodyguard den Hals aufgeschlitzt und das Blut war fortwährend nicht nur aus dem Gesicht, sondern auch aus dem Hals geflossen.
Ewan schnappte nach Luft. Ihm drehte sich als Folge des Blutverlustes die Gesamtheit der Sinne und er donnerte neben Markos gegen die Kacheln, auf dem Boden der Tatsachen wie ein durch die Atmosphäre fast ganzheitlich zerbrannter Meteor aufschlagend und fallend, während der Schwertkämpfer wortlos an ihm vorüberging, um Emilia die Fesseln zu lösen, wobei ihm bewusst wurde, dass für beide die Optionen nie Sieg oder Niederlage gewesen waren. Eine Niederlage war immer ausser Frage gewesen. Für beide hatte es einzig Sieg oder Tod gegeben. Und letztlich war es ein Fakt gewesen, dass einer der beiden den anderen lebendig gewünscht hatte.
Es hatte verloren, wer zwischen Rassen unterschied, sie nicht als gleichwertig betrachtete und deshalb aufgrund der gegenüberstehenden Spezies seine Art des Kampfes verändert hatte.
Markos hatte gewonnen. Aber wie er es im Voraus für sich unterstrichen hatte: Er war derjenige gewesen, der unbesiegbar gewesen war. Denn nur er war, wer in jedem Szenario den Raum nicht allein verlassen musste.

...als Emilia zu sich kam, fand sie sich neben dem verletzten Markos an die Kacheln gelehnt, vor sich die Verheerung und die zahlreichen regungslosen Körper, wie sie sie in Erinnerung gehabt hatte. Nur dass der Bodyguard gefallen war und sie vor ihm beschützt worden war.
"Tut mir leid, dass ich auch dich getroffen habe," atmete Markos auf, der vor der grossen Flucht kurz ruhte und seine Wunden erstversorgte. Zahlreiche Schnitte verliefen über seinen Körper und seine Hände wiesen nennenswerte Brandwunden auf, der linke Ringfinger fehlte ihm sogar. "Ich habe dich nicht verletzen wollen." - "Was sagst du denn," erwiderte sie und er hätte es gar nicht anders erwarten dürfen, wie er sich mit einem ehrlichen Lächeln eingestand, "Du hast gut gekämpft, das ist das einzige, was zählt." Er musterte sie. Meinte schliesslich fast schon feierlich beschliessend: "Nein nein. Das einzige, was zählt, ist der Fakt, dass ich dich ab sofort nicht mehr zurückfallen lasse! Ab sofort kämpfen wir zusammen für unsere Ziele!"
Er rappelte sich auf, um die Schlüssel und die Gildenabzeichen einzustecken und die Flucht anzugehen. Sie erhob sich neben ihm und betonte, was er schon immer geahnt, doch erst kürzlich wahrhaftig gelernt hatte: "Was sagst du denn, ich habe deine Seite nie verlassen. Hier bin ich schon längst gewesen."
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#442 Ashielf Pi

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Posted 20 August 2017 - 10:43 AM

[Die "Gilde" - Lighthalzen Slums - nach 21.00 Uhr]

"Was machen wir denn mit unserem Singvogel hier?", fragte Yuen mehr rhetorisch in die Runde, bevor er sich in die Richtung des Genetikers beugte und vor ihm in die Hocke ging, "Vielleicht will er uns ja noch ein Lied zum Abgesang singen...?"

Mit diesen Worten begann die Befragung. Wolfgang hatte beschlossen in seiner Tarnung die Slums zu erkunden. Rincewind hatte angeboten, ihn zu begleitetn, doch der Clown winkte ab. "Erstens bist du noch nicht ganz fit und zweitens bin ich alleine unauffälliger." Mit diesen Worten verschwand er, aber nicht bevor Roy kleinlaut gefragt hatte, ob er noch etwas zu essen organisieren könnte.

Jonah setzte sich vor dem malträtierten Genetiker auf den Boden, ebenso Yuen. "Wie heißt du eigentlich?", fragte sie eher beiläufig aber abschätzend, nachdem sie ihre Namen genannte hatte. "Hans", entgegnete der Genetiker nach einem Moment. Niemand wusste, ob dieser Name wirklich seiner war, aber für den Zweck der Befragung sollte er genügen. Sie begann: "Okay Hans, die Situation ist nicht einfach, aber wir machen das Spiel leicht. Du gibst uns Antworten und wir lassen dich vielleicht leben - du gibst uns keine Antworten, du stirbst auf jeden Fall. Dass du uns vor kurzem töten wolltest, blenden wir mal aus." - Man wollte meinen der Genetiker hatte eh nicht mehr viel zu verlieren, doch so einfach war es unter Umständen nicht. "Ich bin mir sicher, dass ihr es hinkriegt ein paar neue Hände und einen Fuß für dich zu züchten, deine Kollegen und du. ...Für dich sind also alle Chancen noch im Spiel", fügte Yuen an, mit einem Blick zu Jonah meinte er noch: "Ich würde an deiner Stelle nicht leichtfertig den schweigenden Helden spielen wollen. Das ist ein gut gemeinter Rat, Hans"

"Genug Geplänkel", unterbrach Jonah und kam zum Wesentlichen, "Fangen wir doch mal mit etwas Essenziellem an: Warum ist man hinter unserer Gilde her?" - Der Genetiker schien von der Einfachheit der Frage überrascht: "Warum Lighthalzen hinter euch her ist, ist euch nicht bewusst...? Ihr habt nicht nur Präsident Adam von Dieffenbach, sondern sogar Riwalon Rowenberg attackiert! Ihr seid nicht nur zum Störfaktor für die Feierlichkeiten, sondern eine Gefahr für die gesamte Stadt geworden, das zeigt schon allein, was ihr mir angetan habt! Wenn ihr es auf die Köpfe zweier Landesoberhäupter abgesehen habt, Kinder, also wirklich, wie könnt ihr es uns verübeln, dass wir alles dafür tun, um unser Volk zu beschützen?!"
"Das haben wir nicht. Genaugenommen ist eine Einzelperson, die zufällig Teil unserer Gilde ist, mit dem König in Kontakt getreten - attackieren mal dahingestellt. Wir sind unabhängig von der Beschuldigten angereist. Warum sollen wir also gleich alle miteinander hängen?", antwortete sie mit einer neuen Frage, denn das war doch das eigentliche Problem. Niemand wusste was in Tea gefahren war.
"...das ist die logische Schlussfolgerung. Wenn ihr von mehreren Personen von der selben Organisation attackiert werdet, würdet ihr auch annehmen, dass die Organisation hinter euch her ist, oder nicht?," erwiderte er, "Ausserdem bestätigt ihr mit eurem Verhalten augenscheinlich den Verdacht. Schaut mich an. Kann man uns wirklich verübeln, dass wir hinter euch her sind?"
"Wer ist überhaupt alles hinter uns her? Wir führen einen Krieg an vielen Fronten", äußerte Yuen. Ungeduldig entgegnete Hans: "...die Regierung natürlich, wer denn sonst? Jesses, denkt ihr etwa, die verschiedenen Parteien agieren eigenständig? Nein, die Regierung von Lighthalzen hat die verschiedenen Parteien erst in Bewegung gebracht. Die Polizei, die Armee, unsere Bruderschaft..., von weiteren Parteien weiss ich nichts, aber es ist sehr gut möglich, dass sich noch einzelne Personen, die direkt der Regierung unterstehen, unter die Parteien gemischt haben." Jonah und Yuen nickten. Die Antwort gefiel ihnen nicht, doch das lag in der Natur der Sache.
"Was hat es eigentlich mit den Masken auf sich?", fragte Yuen. - "Ich gehöre einer Bruderschaft der Alchemistengilde an... an diesen Masken erkennen wir uns, sie verbrüdern uns, allem voran machen sie uns anonym. Die Bruderschaft kümmert sich um wissenschaftliche Arbeiten, die anonym erledigt werden sollen. Hinter unterschiedlichen Masken liegen selbstverständlich unterschiedliche Fachgebiete versteckt. Entsprechend nehmen wir teilweise auch andere Aufträge an, die anonym ausgeführt werden sollen... auch eine Organisation wie die unsere hat sich nunmal zu finanzieren", führte der Genetiker erstaunlich präzise aus. Er war Jonah schon fast etwas zu gesprächig.
"Was genau hat man mit der Gilde vor und weshalb gehen unterschiedliche Parteien unterschiedlich vor? Die einen wollen die Gilde töten, andere scheinbar entführen und weiß ich was noch. Noch gab es weder Anklage noch Prozess gegen uns." - Hans überlegte einen Moment. Antwortete dann: "Ich kann einzig für unsere Bruderschaft sprechen, wir stehen nicht im Kontakt mit der Polizei oder der Armee. Aber unterschiedliche Parteien haben unterschiedliche Berechtigungen, daran wird es wahrscheinlich liegen. Sicher haben auch nicht alle Parteien den exakt selben Auftrag erhalten. Vermutlich kann ich aber sogar nur für mich sprechen...
Wir sind durch die Regierung,... um genau zu sein durch einen der zwei Bodyguards des Präsidenten, Ariano Rhoad kontaktiert worden, um die Gefahr aus der Stadt zu bannen. Das Hauptvorhaben sollte sein, eure Gilde aus der Stadt zu treiben. Ihr stellt eine Bedrohung für unseren Frieden dar, wenn wir euch euch in der Stadt austoben lassen!
Die Rede ist nicht davon gewesen, euch zu töten. Wenn die Bedrohung jedoch zu gross werden sollte, dann sind wir befugt, zu den letzten Mitteln zu greifen. Wir haben also eine gewisse Grenze gehabt,... die überschritten worden ist, als der Katzenmensch aus eurer Gilde den Schaualchemisten schwer verletzt hat.
Trotzdem! Am Bahnhof habe ich mich genaugenommen bloss zur Wehr gesetzt...! Ich habe Nachforschungen zum Katzenmenschen angestellt, immerhin hat man ihn dort zuletzt gesehen, bevor er geschnappt worden ist! Wenigstens habe ich es geschafft, euch aus der Stadt zu treiben..."
"Du hast dich nicht zur Wehr gesetzt, du hast uns feige angegriffen!", giftete Jonah ihn an und rammte das Stilett, mit dem sie schon die ganze Zeit am Boden umher scharrte mit einem mal einige Zentimeter tief in das Holz. "Ruhig Blut", ging Yuen dazwischen, bevor Jonah den Genetiker ein weiteres Mal anfiel.
"Wohin werden Leute gebracht, die 'geschnappt' werden, und was geschieht mit ihnen?", fragte er stattdessen. Hans überlegte erneut. Meinte: "...wenn ich das wüsste, ich würde es wieder vergessen wollen. Zumindest habe ich den Eindruck, dass dem so ist, wenn man den Gerüchten glauben will. Ich kann aber zuversichtlich sein, denn ihr seid nichts weiter als Verbrecher...! Was auch immer man euch antut, es geschieht euch recht!!
...ich nehme an, dass Leute wie ihr direkt in die Rekenber Corporation gebracht werden. Gemäss meinen Brüdern ist die Rekenber Corporation aber nur an solchen mit Potenzial interessiert, an solchen, die noch formbar sind. Sicherlich wird auch diesbezüglich der Unterschied gemacht, wer geschnappt und wer getötet werden soll...
Der Untergrund von Lighthalzen und die Laboratorien sind unfassbar riesig. Selbst ich würde mich dort unten niemals zurechtfinden, ich arbeite nicht für die Rekenber Corporation und kenne kaum mehr als die ersten Flügel. Der Glaube an ein Ein oder Aus für Ausländer ist ein Aberglaube...!"
"Wir vermissen ein paar Freunde. Kannst du uns Zutritt zur Rekenber Corporation verschaffen?", frage Yuen weiter und ignorierte die Provokation vollständig. Sein Blick mahnte auch Jonah es ihm gleich zu tun. - "Was denkt ihr euch bloss? Nein, ich kann euch keinen Zutritt verschaffen, in meinem Zustand noch viel weniger! Ich besitze keinerlei Zutrittsberechtigung für mich allein, ihr könnt da nicht einfach reinmarschieren! Vor allem jetzt, wenn die Armee sich auf die Rekenber Corporation fokussiert, um den Schutz von Präsident Adam von Dieffenbach zu gewährleisten! ...als würden sie ihn nach dem Attentat eurer Gilde allein in das Luftschiff steigen lassen!"

"Steht denn eine Reise mit dem Luftschiff an?", fragte Yuen interessiert. Der Genetiker war sich unschlüssig ob er reden sollte, antwortete dann aber: "Der Präsident wird den König zum Feuerwerk in die Slums begleiten. Die beiden werden mit einem Luftschiff vom Sitz der Rekenber Corporation auf den Hügel über den Slums fliegen und von dort das Feuerwerk anschauen. So werden alle Risiken umgangen."
"Danke für die Antworten", erwiderte Yuen, "Ich denke das reicht. Du hast dir eine Pause verdient." - Dem Genetiker blieb keine Zeit zu fragen. Unvermittelt donnerte der überaus kräftige Assassin ihm die Faust in die Schläfe, dass er damit einen Ochsen auf die Bretter geschickt hätte.
Jonah sah ihn perplex und einigermaßen verwundert an. Gerade war er noch ein Pol der Ruhe gewesen, dann hatte er den Genetiker mit einer Bewegung KO geschlagen. "Den hatte er noch gut", antwortete Yuen, wieder Ruhe und Anmut selbst, "Außerdem muss er nichts von unseren Plänen wissen, wenn wir ihn leben lassen."


Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis Wolfgang wieder zurück war. Er wirkte sehr gelassen, so als hätte der Spaziergang ihm gut getan. Ein genaueres Hinsehen offenbarte, dass seine Hände blutig waren. Bei sich hatte er etwas, was man mangels besser Worten wohl einfach als Einkaufstasche bezeichnen konnte. Er stellte diese im Vorbeigehen bei Roy ab, der beim Anblick leer schluckte, und bewegte sich zur Waschecke des Raumes. Er träufelte Wasser in eine offene Schüssel und begann damit, das offenbar fremde Blut von seinen Händen zu Waschen. "Und, was hat sich ergeben?", fragte er in Richtung Befrager. Schnell setzte man ihn über die Ergebnisse in Kenntnis.
"Das deckt sich mit meinen Beobachtungen", begann er und setzte fort, "Mitternacht wird mit grosser Spannung und verschiedenen Emotionen herbei gesehnt, wenn sogar der Präsident und nicht nur der König hier mit dem Luftschiff erscheinen sollen. Wir sollten uns wohl auch auf diesen Zeitpunkt vorbereiten. Ein Zurückkommen in die Stadt ist gerade undenkbar. Die Soldaten bewachen anscheinend verstärkt das Grundstück der Rekenber Corp."

"Hast Du sonst etwas herausfinden können?", fragte Rincewind, als sich Wolfgang zu den anderen gesellt hatte. Der Clown holte aus:
"Das Fest um Mitternacht ist für das Volk von Prontera gedacht. Lighthalzen schert sich einen Dreck um die Slum-Bewohner. Das ist nicht offen kommuniziert, aber doch allen klar. Den eigentlichen Bewohnern hier geht es sowieso dreckig. Nicht nur wurden sie bis jetzt bloss mit dem nötigsten versorgt, sie bekommen nun noch weniger, da ja das Pronvolk - liebevoller Spitzname meinerseits - hier bewirtschaftet wird. Und dann wird das Pronvolk auch noch beim hiesigen Anstellungs-Programm bevorzugt, was für viele hier die einzige Chance auf eine Einnahmequelle ist."
Nun stimmte sich auch Arhat ein: "Hast Du bei all dem Unmut das Gefühl, dass die Slum-Bewohner um Mitternacht etwas unternehmen werden?"
"Die Slum-Bewohner haben nicht mal viel in ihrem eigenen Zuhause zu sagen", antwortete Wolfgang ziemlich schnell, "Die müssen das einfach akzeptieren und werden wohl nicht am Fest teilnehmen. Wobei natürlich keine Trennung stattfindet. In der Menschenmenge kann ja jeder herumlaufen. Und die Slums sind im Gegensatz zu Lighthalzen nicht sonderlich gesichert. Norden, Osten, Süden - von überall her kann man kommen und gehen wie es einem beliebt."
"Da ist noch etwas anderes", bemerkte Arhat und studierte die Mimik von Wolfgang genau. Dieser zuckte leicht mit den Mundwinkeln und lachte dann: "Ich sehe schon, es geht nichts an dir vorbei. - Ja, ich habe noch etwas anderes bemerkt. Aber ich konnte nicht nahe genug heran, ohne meine Tarnung zu gefährden. Anscheinend versammeln sich gerade etliche Slum-Bewohner. Sie scheinen etwas zu planen, lassen jedoch nur bekannte Gesichter an den Gesprächen teilhaben. Wenn du mich fragst, könnte man glatt meinen, dass sie etwas für Mitternacht vorbereiten."

"Warum... warum waren deine Hände blutig?", fragte Roy nach einer Pause etwas mulmig und blickte Wolfgang sorgenvoll an. "Manchmal kann man Informationen nicht gegen andere Informationen tauschen. Dann geht es eher um Naturalien", war dessen karge Antwort begleitet von einem gut-gemeinten Lächeln, was in diesem Kontext aber eher unheimlich wirkte.

#443 Koikun

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Posted 27 August 2017 - 02:02 PM

[Ikarus | Lighthalzen, Altjahrestagsfeier | Tag 65, Abend]

"Es scheint ein Plan existiert - gehen wir davon aus, die Ereignisse folgen dem Plan."
Rincewind Wetterwachs' Aussage erschien Ikarus, der ihn und seine Leute am Bahnhof zusammengetrommelt hatte, um sie in die Absichten ihrer Gildenleiterin Tea einzuweihen, willkommen. Ikarus hatte seine Entscheidung getroffen und tischte ihnen nicht die Wahrheit, sondern eine Lüge auf. Das grundlegende Vorhaben, das er erläuterte, existierte zwar, doch war das Signal, das er mit Tea vereinbart hatte und das sie nach erfolgreicher Kontaktaufnahme mit Riwalon Rowenberg absenden sollte, damit er sie aus dem Rekenber Corporation Hauptquartier holte, nicht das, was er ihnen formulierte. Er log jedoch nicht aus Misstrauen, ganz im Gegenteil: Er wollte diesen Leuten vertrauen, die mit ihm die Gilde teilten und denen Tea augenscheinlich längst zu vertrauen gelernt hatte. Er wollte ihnen zutrauen, dass sie richtig handeln würden. Dass sie dafür kompetent genug waren. Konfrontiert mit ihrem Misstrauen ihm gegenüber war ihm klar, dass er ihnen vertrauen konnte.
"Wir werden sehen, wie wir uns beteiligen," liess Jonah die Zusammenarbeit offen und Ikarus schaute ihnen angespannt hinterher, Jonah, Arhat, Emilia...
Sie waren beobachtet und abgehört worden. Mit seinen sensiblen Katzenohren hatte Ikarus diesen Umstand am Bahnhof realisiert. Trotzdem hatte er die Lagebesprechung ohne Unterbruch fortgeführt. Eine Option wäre gewesen, die Entdeckung mit Jonah & Co zu teilen. Seine Einschätzung hatte dies aber rasch ausgeschlossen. Er war in keiner Position, um Unterstützung im Kampf gegen ein Feindbild zu fragen, das sie nicht teilten. Ausserdem wäre dadurch die gesamte Gilde in den Fokus geraten. Das Offenhalten der Zusammenarbeit konnte im Gegensatz zulassen, dass sie sich wieder zerstreuten und noch nichts gegen den Rest der Gilde vorlag. Dass der Rest der Gilde selber entscheiden konnte, ob er sich in dieses Unterfangen stürzen wollte.
Nur gegen ihn, nur gegen Ikarus sollte sich der Blick der Beobachter konzentrieren. Denn jemand musste diese beseitigen. Die Beobachter hatten erfahren, dass Tea in das Rekenber Corporation Hauptquartier geschmuggelt worden war. Es war zu befürchten, dass sie alles, was sie erlauschten, augenblicklich an ihre Zentrale weiterleiteten. Er hoffte, dass Tea klar kommen würde, liess sich dadurch aber nicht verunsichern und wollte tun, was er tun konnte.
Er wollte das Feindbild nicht unterschätzen. Die Rekenber Corporation baute auf Wissenschaft und Technologie. Gut möglich, dass sie das Wellennetz der Stadt manipulieren und folglich die Distanzkommunikation der Menschen beeinflussen konnte. Dass sie den Kommunikationskanal einer Gilde entern und stören konnte. Aus diesem Grund hatte Ikarus ein falsches Signal formuliert. Er war davon ausgegangen, dass die Rekenber Corporation das Signal selber aussenden wollen würde, um die Gilde in eine Falle zu locken.
Er hatte sich mittlerweile zwei Aufgaben auferlegt: Einerseits musste er die Beobachter erledigen, andererseits musste er verhindern, dass die Rekenber Corporation das Signal aussendet, denn auch wenn dieses falsch war, Jonah & Co wussten das nicht und würden ihm eventuell folgen. Er musste auch die weiteren Schritte seine Idee unbedingt in die Tat umsetzen.
Ohne Umschweife rauschte Ikarus durch den Bahnhof, die Beobachter hatten nicht bemerkt, dass sie längst lokalisiert worden waren, weshalb sie gefunden und gestellt wurden. Ikarus erledigte sie. Was nun geschah, konnte somit nicht mehr an ihre Zentrale weitergeleitet werden. Das war ausserordentlich wichtig.
Bevor er sie versteckte, rüstete er das Peco mit Messern aus und jagte es davon. Es war leider nicht auszuschliessen, dass die anderen trotz fehlender Zusammenarbeit weiterhin verfolgt werden würden. Deshalb jagte er das aufkrächzende Peco auf die Spur Emilias, um sie zu unterstützen.
Nachdem er Emilia seinen verlängerten Arm gereicht hatte, eilte er auf das Gelände des Hauptquartiers. Von dort wurde das Signal erwartet. Ikarus wollte nicht zulassen, dass Rekenber die Falle stellte, um der Corporation zuvorzukommen, wollte er es selber absenden. Das musste er von hier aus tun. Es konnte vielleicht ermittelt werden, von welcher Position das Signal verschickt wurde, der Absender hingegen konnte wohl kaum definiert werden. Dass die Beobachtung am Bahnhof stattgefunden hatte, zeigte ihm, dass sein Abzeichen noch nicht von ihr registriert worden war, ansonsten hätte sie ihn sicher schon vor der dortigen Besprechung aus dem Verkehr gezogen, um die Ausbreitung seiner Gedanken zu verhindern.
Ikarus liess Rekenber ein Signal ausgehend von einem unbestimmten Abzeichen auf ihrem Grundstück sehen und dadurch glauben, dass Tea das Signal entsandte. Die anderen Gildenmitglieder jedoch konnten den Absender erkennen. Sie erkannten, dass das Signal von Ikarus entsandt wurde.
Jonah hatte die Unsicherheit des Signals thematisiert und damit auch die Gedanken ihrer Freunde ausgesprochen. Sie hatte damit den Punkt angesprochen, den jetzt Ikarus auszunutzen wusste. Er vertraute darauf, dass sie dem vom falschen Absender entsandten unsicheren Signal nicht folgen würden. Er vertraute ihrem Misstrauen.
Er liess das Abzeichen liegen, damit er seine Bewegungen versteckt vollziehen konnte, und fand sich wieder am Bahnhof ein. Es dauerte nicht lange, da marschierten Soldaten ein. Angeführt von einem älteren Herren. Einer der zwei Bodyguards von Adam von Dieffenbach: Ariano Rhoad. Dieser Kerl tauchte höchstpersönlich im Geschehen auf, das bedeutete, dass Tea mittlerweile als Bedrohung für den Präsidenten eingestuft wurde.
"Niemand folgt eurem Hilferuf...," erfasste Ariano Rhoad. Er glaubte wirklich, dass das Signal von Tea gekommen war und dass Ikarus als Folge die anderen wie vereinbart am Bahnhof erwartete. Die Rekenber Corporation, die Ikarus mit der Regierung gleichsetzte, hatte sich auf das falsche Signal vorbereitet und erwartete hiernach keine weiteren Bestrebungen gegen ihre Ambitionen mehr, ganz egal ob sie die Falle gestellt hätte oder wie nun eine Zusammenkunft der Gilde zu erwarten gewesen war, sie wäre hier aufgekreuzt, um den Fortschritt des Plans zu unterbinden. Sie würde nicht auf das wirkliche Signal vorbereitet sein. Nichts stand dem wirklichen Signal mehr im Weg. Sollte die Entwicklung der Geschehnisse von den anderen zumindest im Ansatz durchschaut werden und sollte sich eine Zusammenarbeit ergeben, würde die Gilde frei agieren können. "...ganz egal ob sie mir folgen oder nicht," erwiderte Ikarus dem Bodyguard, "So lange sie ihren Grundsätzen treu folgen, bin ich davon überzeugt, dass ich auf sie zählen kann!"
Er hatte nicht den Hauch einer Chance gegen diesen Mann und wurde gefangen genommen. Angekettet und erwachend in einer eisernen Glocke versickerte er in der absoluten Dunkelheit im Untergrund der helllichten Stadt.

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#444 nEmai

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Posted 30 August 2017 - 08:34 PM

[Die "Gilde" - Lighthalzen Slums - bis 24 Uhr]

Wolfgang hatte nach der Rückkehr von seinem Rundgang berichtet - er hatte den Eindruck, dass die Bewohner der Slums etwas im Schilde führten. Die Lage sei angespannt. "Und was genau meinst du damit?", fragte Yuen. "Sie sind aggressiv. Und ich habe das Gefühl, dass es nicht beim Blechbüsen-Kicken und herumfluchen bleibt", entgegnete Wolfgang. Yuen nickte nachdenklich: "Was genau machen die Leute?" Der Clown schmunzelte: "Waffen." Diese knappe Antwort wurde nach einem durchdringenden Blick Yuens und den anderen ergänzt: "Speere aus einfachen Holz- und Metallstäben. Glasscherben fixiert an Keulen. Abgeschliffene Metall-Teile als Dolche und Messer. Ihr versteht schon."
Jetzt, da er das Ausmass verstand, wollte Yuen das Ziel des Angriffs kennen und erfragte dies auch. "Nun, wie gesagt konnte ich nicht ganz eindringen. Aber ich musste nicht viel zusammenzählen, um zu verstehen, dass hier gegen die Obrigkeit vorgegangen werden will." - "Ein Angriff auf den König?", versuchte Yuen einzugrenzen. "Gut möglich. Ich weiss nicht, inwieweit fokussiert die Wut ist. Im Ganzen habe ich das Gefühl, dass sie sich gegen Lighthalzen aufbäumen wollen. Wer auch immer dann im Weg steht." Der Assassine hakte nach: "Du glaubst also, dass auch das Volk von Prontera angegriffen wird?" - "Ich bezweifle es", kam es ziemlich schnell, "Die werden vermutlich genug Lärm und Unruhe stiften, sodass sich die normalen Bürger verduften. Das Ziel sehe ich wie gesagt in der besseren Schicht. Ausserdem sind es nicht genug Leute, um das Volk von Prontera anzugreifen. Und der Präsident scheint nur ein allzu dankbares Einzelziel zu sein." "Aber, wieso tun sie das?", fragte Roy verwirrt und besorgt. Wolfgang holte aus, seufzte dann jedoch nur. "Die kurze Antwort? Lieber ein Ende mit Schrecken als einen Schrecken ohne Ende. Sie wurden jahrzehntelang unterdrückt. Heute Abend sehen sie die Chance auf einen Neuanfang, oder zumindest auf ewige Ruhe."
"Wie schätzt Du sie ein? Ist unsere Position gefährdet?", bedurfte es Yuen nach taktischen Informationen. Wolfgang schüttelte den Kopf: "Es wird wohl ziemlich unkoordiniert sein. Das einzig Schlimme ist, dass König Riwalon vermutlich ins Kreuzfeuer gerät." Der Assassin hatte genug gehört und bedankte sich für den Lagebericht. Solange sie hier fürs Erste unerkannt blieben war es ihm egal, was draußen vorbereitet wurde. Aber dennoch - er wusste nicht wie er einen möglichen Aufstand der Slumbewohner einschätzen sollte. Er wusste nicht, ob er hilfreich würde oder nicht. Eines stand jedoch fest - Eine Planung machte das nicht gerade einfacher.

"Also was ist der Plan?", fragte Jonah, nachdem sie sich vom verhangenen Fenster abgewandt hatte. Sie hatte Wolfgangs Ausführungen gelauscht aber auch das Treiben draußen durch einen geöffneten Spalt im dichten Vorhang beobachtet. Sie blickte in mehr ratlose als determinierte Gesichter. "Yuen du hast vorhin von einem Plan gesprochen", wiederholte sie. Der lachte stumm. "Das bedeutet nicht, dass ich einen im Ärmel habe. - Ich meinte dass unser Singvogel den Plan, den wir aushecken werden, nicht wissen muss." - "Hm", erwiderte Jonah etwas unzufrieden. Sie saßen gefangen in einem immer größer werdenden, wuselnden Haufen von Menschen. In einem stetig gefährlicher werdenden Pulverfass, wenn man Wolfgangs Eindruck Glauben schenkte. Erneut wagte sie einen Blick durch einen Spalt im Vorhang. Sie verzog die Mundwinkel. Bei so vielen Menschen war es schwierig vom Einzelnen ungesehen zu agieren. Jedoch umso leichter in der Menge unterzugehen. Trotzdem unzufrieden ging sie einge Schritte auf und ab.
"Wir wollen Markos und Emilia retten", begann sie leise. "Der König kommt in die Slums - wenn wir ihn überzeugen könnten, ein Machtwort zu sprechen, könnten wir Emilia und Markos sofort aus ihrem Gefängnis befreien. Immerhin herrscht ein Bündnis zwischen den Ländern - wenn es eine Sache des Königs ist, wird Lighthalzen ihr Gehör schenken." - "Das Problem ist, warum sollte der König uns Gehör schenken", konstatierte Wetterwachs wenig optimistisch, "Er wird gut bewacht sein. Bei ihm wird auch Präsident Dieffenbach sein. ...und wir gelten jetzt schon als Terroristen. Und wenn es dann auch noch Aufstände gibt..." - Jonah blickte einen Moment ins Leere. "Das ist der springende Punkt", meinte sie in Gedanken, "Wir müssen den König dazu bringen uns zuzuhören - und wenn wir ihn zu seinem Glück zwingen müssen..."

Mit jeder Minute, in der Mitternacht näher rückte, konnten die Gruppe das Anwachsen der Gästezahl hier in den Slums verfolgen. Die Flüchtlinge aus Prontera trudelten, zusammen mit den weiteren Menschen, die aus Midgard angereist waren, von den Festivitäten in der Stadt in den Slums ein um zu feiern. Am Tor zwischen Stadt und Slums war eine Grosszahl Soldaten zusammengekommen, um zu garantieren, dass keine Menschen aus Lighthalzen die Slums betraten. Wolfgang meinte, dass dies die höher gestellten Menschen öfters einmal versuchten, da man infolge der erhöhten Lage der Slums das Feuerwerk besser sehen könne. Dieses Privileg schien heute aber den Menschen von Midgard zuzustehen, als ein an sie gerichtetes Geschenk und Zeichen der Gastfreundschaft von Schwartzvald.
Das Volk von Schwartzvald konnte das Feuerwerk jedoch problemlos aus der Stadt oder von den nördlichen Feldern Lighthalzens aus beobachten.
Jonah hatte sich indessen auf das Dach der Hütte begeben. Es war dunkel und sie lag unter einer zerfetzten Decke, die eine dem Dach sehr ähnliche Farbe hatte. Es war kaum möglich sie zu sehen - man hätte schon wissen müssen, dass sie da war. Sie hatte von hier oben einen noch besseren Blick in das Herz der Slums, ebenso nach Lighalzen und auf die Anhöhe. Doch eines hatte sie nicht - einen guten Plan. Sie beobachtete das Treiben unter den Fackeln der Straßen. Es war brechend voll. Immerhin war Prontera auch ohne den Anteil von Soldaten und Kampfbewandten, die mit Prontera verschwunden waren, sehr gut bewohnt und die Flächen der Slums im Vergleich nichts. Die Slumbewohner schienen sich derweil verschanzt zu haben. Was bei diesen genau vorging, war mit der grösser werdenen Menschenmasse immer schwieriger zu sagen. Wolfgang schien recht zu behalten. Jonah biss sich auf die Unterlippe. Wenn ihr nichts besseres einfiel, müssten sie und Yuen improvisieren - ein Aufstand des Volkes käme hier sehr zu Hilfe. Das Militär wäre abgelenkt. Vielleicht gab es sogar tatsächlich Angriffe auf den König - damit wären auch die Leibwachen abgelenkt.
Je mehr Jonah darüber nachdachte, desto mehr überlegte sie, ob es möglich war einfach einen größeren Aufstand anzufachen, wenn es doch keinen gab.

Die Zeit zu Mitternacht schloss sich - es war nicht mehr lange. Jonah sah bereits das angekündigte Luftschiff. Langsam und gemütlich senkte es sich über Lighthalzen ab. Es setzte offenbar bei der Rekenber Corporation kurz an um dort König und Präsident aufzunehmen. Der Aufenthalt war nicht lang. Sie informierte Yuen, der ihr Kontkat nach unten war. Der wiederum hielt die anderen auf dem Laufenden.
Nur wenig später hob das Luftschiff wieder ab. Es war keine Bewegung zu erkennen gewesen - dafür war die Sicht nicht gut genug gewesen. Lediglich mehr Licht war an Bord an. Es hielt nun langsam und sehr tief auf die Slums zu. In der Geschwindigkeit würde es recht pünktlich zu Mitternacht landen.
Es setzte gerade an die Stadtmauer zu passieren - da ereignete sich etwas seltsames. Zuerst war es nur auffällig - doch dann traute Jonah ihren Augen kaum. Sie wollte fast die Decke von sich werfen und aufspringen - ließ es aber. Stattdessen beorderte sie Yuen sofort hoch - er musste das auch sehen - und die anderen eigentlich auch. Sie war es. Jonah sah Emilia am Bug des Luftschiffs, wie sie sich über die Reling in ihre Richtung lehnte und in unsäglicher starker Stimme und für jeden in den Slums infolge ihrer Marktschreier-Fertigkeiten hörbar schrie, dass diese sofort evakuiert werden müssen. - Die Nacht nahm ihren Lauf.
Keihaku
nEmai

#445 Koikun

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Posted 31 August 2017 - 09:20 PM

[Ikarus | Lighthalzen, Altjahrestagsfeier | Tag 65, bis 24 Uhr]

Ikarus horchte auf. Gefesselt und in absolute Dunkelheit gebettet hatte er sich tief in seine Gedanken getaucht, doch nun glaubte er, eine altbekannte Stimme zu hören, ein hübsches Flüstern in der Distanz, das ihn einerseits auftauchen, andererseits Besorgnis atmen liess.
"In meinem Kopf dreht sich immer noch alles...," murmelte die Stimme, "Was ist nur passiert...?"
"Emilia, bist du das?," rief Ikarus aus, "Haben sie dich etwa doch auch in ihre Fänge bekommen?!" Er hatte mit der Entsendung seines Pecos alles getan, was er für sie hatte tun können, er hatte gehofft, wenn er sie nicht über ihre Verfolger informieren würde und eine Zusammenarbeit offen lassen würde, um ihnen ihre Freiheit zu lassen, würde es einzig ihn erwischen. Trotzdem war Emilia nun gefangen, genauso wie er. Dieser Regierung ging es offensichtlich nicht um tatsächliche Schuld. Der geringste Verdacht liess diese Leute bereits einschneidende Massnahmen ergreifen. Nicht das geringste Risiko wurde in dieser Stadt geduldet. Und wenn man den Gerüchten um die finsteren Machenschaften in dieser Stadt glauben sollte, stellten Risiken sogar nur Ausreden für ebendiese Massnahmen dar.
"Ich habe noch versucht, mich zur Wehr zu setzen," zeigte er auf, "Wie weit ich gekommen bin, ist ersichtlich. Wahrscheinlich jagen sie genau jetzt auch die anderen Mitglieder unserer Gilde." - "Die anderen werden uns zu Hilfe kommen. Bestimmt," hörte er sie sprechen. Ikarus stockte. Wohl wahr. Entgegen seiner Hoffnung war den anderen die eigene Entscheidung über ihren Einsatz abgenommen worden. Durch die Gefangennahme ihrer Freunde wurden sie in dieses Unterfangen gezwungen. Er biss die Zähne zusammen.
Die anderen würden sich sicher für Emilia einsetzen, die Frage war, was sie tun konnten und tun würden und inwiefern Tea's Signal sich in die Sache miteinfädeln würde. Es würde klar sein, dass Ikarus etwas zugestossen war, aber das würde nichts mehr bewirken, da es bereits darum ging, Emilia zu befreien.
Wenn Tea's Signal ohne Emilia's Gefangennahme erschallt wäre, hätten Jonah & Co sich nicht für den gefangenen Ikarus eingesetzt, das glaubte er plötzlich zu wissen. Ausserdem: Was hätten sie tun sollen? Der Plan wäre gewesen, mit Ikarus' Techniken Tea aus dem Hauptquartier zu holen, das wäre mit ihm im Kerker weggefallen. War sein Vertrauen in sie letztlich derart blind gewesen, dass er ihnen eine unwahrscheinliche, unmögliche Aktion überlassen hatte?
Für den Plan war Emilia's Gefangennahme der günstigste Umstand, den Ikarus sich hatte erspielen können. Er hatte mit seinen Zügen auf diesen zweiten Blick zwar verloren, aber er hatte versucht, die bestmögliche Ausgangsposition für den Plan zu erspielen, ohne Emilia in Gefahr zu bringen. Er hatte so hoch gepokert, dass es Emilia erwischt hatte, was jedoch dem Plan in Form der Unterstützung der anderen einen unerwarteten Joker zugemischelt hatte.
Er erhaschte, wie Emilia abgeführt wurde, und er schwor sich zerknirscht, zumindest diese Fehlkalkulation wieder geradezubiegen. Zumindest diese, das schwor er sich, als in ihm das Bild eines weiten Feldes von riesigen Mangrovenbaumblättern aufblitzte, das er erklommen hatte, um Zuflucht zu suchen, nur um schliesslich Verlust zu finden. Er wollte Emilia befreien und beschützen.

Er zuckte aus seinem zermahlenden Hirngewinde auf, als sich aus dem Nichts ein Schlüssel im Schloss drehte. Jemand trat in seine Zelle. Er konnte sich nicht wehren, musste sich allen Händen überlassen, die nach ihm suchten, worauf weitere Drehungen von Schlüsseln ihn von Schellen und Glocke befreiten. Die schweren Fesseln wurden zu Boden gelegt und wie aus der ewigen Finsternis erhoben wurde er in der spärlich beleuchteten Zelle geblendet durch Emilia. Seine Augen erbebten und er fühlte sich aus heiterem Himmel schwach wie nie zuvor, er dachte, er würde sich unter ihren Blicken niemals mehr erheben können.
"Ich fürchte...," murmelte er in das engelshafte Blenden gekehrt, "Meine Beine... geben nix mehr her..." Es war wie ein ersehnter Morgen nach einer tausendjährigen Nacht, wie das begehrenswerte Licht einer Sonne am Ende eines meilenweiten Tunnels.
"Was meinst du?," wollte Markos daneben wissen, die Eile im Sinn habend. "Ikarus, kannst du gehen?," wandte sich Emilia an den Befreiten, "Wir haben ein paar Schlüssel und müssen hier augenblicklich weg!"
"Wie genial...," murmelte Ikarus, "Du bist die Beste...!" - "...?"
Diese Worte. Ikarus realisierte das Déjà-vu nicht. Er realisierte nicht, dass er sich erhob. Aus den Schatten der Vergangenheit. Vom Boden. Er erhob sich neben Emilia und setzte Fuss vor sie und sprach mit ernster Miene: "Aber ich kann mich nicht immer von dir beschützen lassen. Auch ich habe mich vor dich zu stellen, wenn es notwendig ist. Wir haben auf Gegenseitigkeit zu beruhen, nicht du oder ich sind, wen wir beschützen müssen. Wir müssen uns beschützen." - "...?"
"Wovon genau redest du?," bleckte Markos mit der Ernsthaftigkeit mitziehend, sich vor Ikarus stellend, dieser bemerkte den Schwertkämpfer erst jetzt und er blinzelte wie aus einem Tagtraum erwachend. "Wir...," antwortete Ikarus, schluckend, "Wir müssen hier weg." Da entdeckte er im Flur hinter Markos überrascht eine dritte Person. Er konnte es kaum glauben, war aber heilfroh, sie unversehrt wiederzusehen: Tea.
"Wir?," warf Markos ihm zu, "Ich bin mir nicht sicher, wen du in deinem Wir miteinbeziehst."
"Er meint die Gilde," fand sich Emilia an seiner Seite ein, "Nur deshalb sind wir hier, nicht wahr?"
"Emilia!," wandte sich Ikarus wieder an die Händlerin, "Ich bin froh, dass es dir gut geht!" - "Markos hat uns befreit," erwiderte sie, "Er hat für uns gekämpft und uns diesen immensen Vorteil erspielt." - "...!"
"Tea hat dich befreien wollen," betonte Markos und Ikarus rauschte mit seinem Blick zurück zur schweigsamen Leiterin ihrer Gilde. Die Gilde. Sie und die anderen. Der Plan.
Während er nicht auf sie eingegangen war, hatte Tea seine Reaktionen in der Zelle aufmerksam verfolgt. Jetzt kritzelte sie Worte auf ein Stück Papier und wies sie ihm vor: "Kann ich auf dich zählen?" Er erschauderte fürchterlich und in ihm pochte sein altbekanntes Verlangen auf. Der altbekannte Wunsch seiner Rasse, seiner Heimat, von ihm, von ihr und ihrem Miteinander, das nicht mit ihr gestorben war, als sie ihn, nein, diesen Wunsch beschützt hatte. Er durfte nicht im Angesicht der Erinnerung erzittern, denn mit dem vorliegenden Plan konnte er ihr Erbe in die Zukunft tragen: "JAWOLL!!"

Tea hatte von der Gefangennahme ihrer Leute erfahren und hatte sich aus diesem Grund durch das Labyrinth der unterirdischen Flure begeben, um sie zu unterstützen. Ausserdem wollte sie sie für die Weiterentwicklung des Plans mit an Bord nehmen, dass sie das wortwörtlich meinte, sollte später unterstrichen werden.
Durch ihre Bestrebung war sie auf Markos und Emilia getroffen, die für ihre Freiheit gekämpft und sie zusammen mit Schlüsseln und Gildenabzeichen errungen hatten. Letztere wollten sie aber nicht benutzen, denn sie hatten von ihrem Gegner erfahren, dass dieser Kommunikationskanal ein zweischneidiges Schwert war.
Markos und Emilia hatten etliche Fragen, deren Antworten sie am liebsten sofort von Tea aufgetischt bekommen hätten, diesbezüglich hatten sie aber aufgrund der Situation Prioritäten setzen müssen, weshalb die Frage nach einer Fluchtmöglichkeit aus diesem Kerker als am allerwichtigsten eingestuft worden war.
Wie Ikarus nun erfuhr, hatte Tea tatsächlich erfolgreich Kontakt mit Riwalon Rowenberg aufgenommen. Er fragte sie nicht nach Uljas Purjehtia, der das Ziel des ihren Verlangens darstellte und wegen dem sie hergekommen war. Er fragte nicht, was sie von Riwalon Rowenberg erfahren hatte, denn auch er erkannte die korrekten Prioritäten und der Mangel an Zeit, der auch von ihr bedacht wurde, dies jedoch aus einem anderen Grund. Aus dem Grund, dass ihre Fluchtmöglichkeit alsbald verschwunden sein würde.
Tea entfaltete weitere Papiere. Unerwarteterweise waren auf ihnen magische Symbole, Runen in bestimmter Anordnung aufgezeichnet. Sie beherbergten eine besondere Magie. Als sie mit Riwalon zusammengekommen war, hatten sie auch die Wege aus der Rekenber Corporation besprochen. Riwalon hatte eine Magie erwähnt, die er und sein bester Freund Indra Lunev von einem Meister der Illusionen, dem Oberbefehlshaber Eldras Moorgana dereinst gelernt hatten. Nicht nur hatte Tea in dieser seinen Magie die jene Technik erkannt, die Rata und Faran von Riwalon und Indra Lunev gelernt hatten, um sich unauffällig als Menschen in der Welt der Menschen zu bewegen, nein, sie hatte sich zudem an Eldras Moorgana erinnert, der sie und die Gruppe um Hlynur Jasminko damals von ihrer Mission des Global Project von der Vierjahreszeiteninsel eskortiert hatte. Wie bereits bei jenem Abenteuer standen sie heute schon wieder in einem Konflikt mit der Rekenber Corporation und dadurch Schwartzvald und schon wieder schien dieser Mann die rettende Hand zu bieten. Damals jedoch hatte er sich infolge des Waffenstillstandes und in Zusammenarbeit mit Schwartzvald im Rahmen des Krieges gegen Arunafeltz aufgemacht, um ihren Konflikt mit der Rekenber Corporation zu beenden. Ob es auch dieses Mal auf ein friedliches Ende hinauslaufen konnte, war fraglich.
Selbstverständlich konnte keine Magie innert kürzester Zeit gelehrt werden, weswegen Riwalon vorgeschlagen hatte, Pseudo-Zauberschriftrollen herzustellen, indem er den benötigten Zauberspruch für eine einmalige Verwendung auf Papier festhielt. Leider hatte ihm dafür Papier und Schreibwerkzeug gefehlt. Glücklicherweise war genau das, was Tea fortwährend mit sich führte.
Riwalon's Magiebewandtnis war beschränkt. Durch ihn beschworene Magie war minimal und hatte eine zeitliche Grenze.
Tea generierte die Illusion einer Gruppe von Soldaten, als es als solche zurück zu Riwalon gehen sollte, wunderte sich Ikarus, weshalb sie nicht einfach aus dem Gebäude marschieren konnten. Tea brachte als Erklärung auf, dass sie im Gebäude gesucht wurde und dass womöglich sogar schon nach ihnen gesucht wurde. Alle Ausgänge wurden vielmehr bewacht und geschützt als die Räumlichkeiten der Rekenber Corporation. Dadurch wurden sie in diesen gefangen gehalten und ihre Verfolger konnten ihrer Arbeit gründlich und ausgiebig nachgehen.
Es stellte sich heraus, dass Tea Ikarus' falsches Signal ebenfalls vernommen hatte. Er hatte nicht daran gedacht, auch wenn es logisch war. Er hatte automatisch angenommen, dass sie aufgrund ihrer Verfolger nicht in der Lage war, zu agieren. Das Gegenteil war der Fall: Sie hatte vollkommen frei agieren können, denn sie hatte erfolgreich Kontakt mit Riwalon aufgenommen und hatte sich bei ihm im Zimmer aufgehalten, auch wenn es für seinen Nebenmann Markos keinen Sinn machte, dass sie dann noch verfolgt wurden. Wenn ein Bündnis mit Schwartzvald vorlag und der Kontakt mit Riwalon erfolgreich gewesen war, er ihnen sogar unter die Arme griff, warum wurden sie dann noch verfolgt? Ein Machtwort eines Bündnispartners erschien Markos mächtig genug, um den Konflikt zu beenden. Es schien aber nicht in Betracht gezogen worden zu sein.
Es war gut, dass Tea Ikarus' falsches Signal vernommen hatte, dass er sich dafür entschieden hatte. Dadurch hatte sie sich mit ihrem Signal vorerst zurückzuhalten gedacht. Sie war davon ausgegangen, dass Ikarus etwas zugestossen war und dass der Weg, sie aus der Rekenber Corporation zu holen und den er dargestellt hatte, weggefallen war. Hätte sie ihr Signal entsandt, wäre sie wahrscheinlich gefunden worden. Es war gut, dass er gehandelt hatte. Er lächelte.

Sie hetzten aus dem unterirdischen Labyrinth und nach oben in die palastgleichen Hallen der Rekenber Corporation. Die prunkvolle Ästhetik einer klassischen Moderne schlug ihnen entgegen. Es war geradezu ein Umsturz der Szenerie. Unter den wachsamen Augen der Angestellten rückten sie über roten Teppichen und unter schattenwerfenden Kronleuchtern zu ihrem Ziel vor, zum Zimmer, in dem Riwalon untergebracht war und das sich am Ende eines Ganges befand, der von einem grossen Brunnen abging und der nicht weit abseits vom kolossalen Tor des Präsidentenbüros abwinkelte. Sie täuschten die Wachen und drangen ein.
König Riwalon Rowenberg sass am anderen Ende der makellosen vier Wände auf einem gemachten Bett. Markos blendete alles darum herum ohne Wenn und Aber aus und sank hernieder auf die Knie, auch Emilia folgte diesem Zollen von Respekt dem eigenen Herrscher gegenüber, während Ikarus und Tea stehen blieben und Riwalon aufschaute, die Hand erhebend und sie bittend, wieder aufzustehen: "Wenn sich jemand verbeugen sollte, dann wäre dies ein Herrscher seinem Volk gegenüber, das ihm seine Macht und folglich das Vertrauen eines ganzen Reiches in die Hände gegeben hat."
Ikarus sah, dass sich Riwalon nicht verbeugte. Dann war dieser Herr wohl der Meinung, dass sich niemand verbeugen sollte, dass allesamt gleichwertig waren. Rata und Faran hatten von den Ambitionen dieses ihren Freundes erzählt. Denn das schien er zu sein. Er war kein gewöhnlicher Herrscher. Er war ein Freund.
"Es ist uns eine Ehre," sprach Markos erfüllt mit Bewunderung, sich zusammen mit Emilia wieder erhebend, wobei er erkannte, dass Riwalon nicht mehr wie bei der Rede vor dem Gebäude die lockere Kleidung eines Volkmannes trug und stattdessen vollends in die edle Rüstung seines Runenrittertums gefasst war. Das erkannte auch Ikarus und beide Männer empfanden in diesem Zusammenhang etwas als verkehrt.
"Wie lange wird Ihre Magie anhalten?," fragte Ikarus ohne Umschweife, denn Zeit war bekannterweise Mangelware. Er konnte es sich nicht leisten, Aspekte zu hinterfragen, die nicht zu ihrer Flucht beitragen konnten. Und die Flucht war, auf was auch er pochen wollte. Das war er Emilia schuldig. Für sie und die anderen war es ihm immer von Wichtigkeit gewesen, ihnen die Freiheit einer eigenen Entscheidung zu belassen. Sie waren nicht freiwillig in dieses Unterfangen gestürzt worden. Ausserdem machte Tea den Eindruck, bekommen zu haben, was sie verlangt hatte. Alles weitere würden sie immer noch in aller Ruhe besprechen können, sobald sie die Gefahrenzone verlassen haben sollten.
Tea hatte ihnen ihre Fluchtmöglichkeit erklärt. Um den Schutzwall von Sicherheitsvorkehrungen um die Rekenber Corporation zu passieren, hatten sie einen bestimmten Moment abzupassen. Die Feierlichkeiten von Lighthalzen's Altjahrestagsfeier sahen vor, dass Riwalon Rowenberg für ein Feuerwerk die Slums besuchte. Die Methode hierfür sollte ein Luftschiff sein, das vom Grundstück der Corporation starten würde. "Für diesen Moment werden sich die Sicherheitsvorkehrungen wie zu einem Tunnel vom Gebäude zum Luftschiff formen," hatte Ikarus richtigerweise begriffen, "Er wird sicher von Soldaten begleitet werden, also können auch wir uns auf das Luftschiff bewegen und auf diese Weise in die Slums gelangen. Das ist unser Weg in die Freiheit!" - "Was ist mit Sicherheitsvorkehrungen in den Slums?," hatte sich Markos gewundert, "Sie werden den König sicher nicht ungeschützt in die Slums ziehen lassen." - "Dafür werden sicherlich die Soldaten verantwortlich sein, die mit ihm in die Slums reisen, das heisst, das wir uns mit der sich formenden Positionierung der Soldaten zerstreuen können, die Slums an sich werden keinen Wall an Massnahmen wie die Rekenber Corporation erwarten dürfen." Markos hatte ihn erst irritiert, dann intensiv angeschaut.
"Meine Magie wird euch bis auf das Luftschiff Schutz offerieren," beantwortete Riwalon die Frage, dann auf Tea's Papier weisend, "Auf dem Luftschiff werdet ihr euch verstecken müssen. Sobald das Luftschiff in den Slums von Lighthalzen landet, generiert ihr die Illusion erneut und ihr seid frei."
Markos hielt inne. "Worauf genau zielen Sie mit dieser Formulierung ab?," äusserte er seine Sorge, "Sie sprechen, als würden Sie sich um unser Wohl bemühen, als würden Sie um uns Sorge tragen und das will ich in keiner Form bezweifeln. Ich kann jedoch unmöglich davon absehen, dass dies die Voraussetzung hat, dass Sie unsere problematische Situation anerkennen." Er zweifelte nicht an der freundschaftlichen Hand seines Herrschers. Er zweifelte an der Fassade eines weitaus grösseren Gebildes. "Aus welchen grotesken Gründen können Sie uns nicht einfach freisprechen?"
"Markos!," brachte sich Ikarus ein, "Das hier ist Schwartzvald, nicht Midgard!" - "Er hat aber Recht," kam Emilia dazwischen und Ikarus erfasste sie aus Augen, die schliesslich verstanden, "Schwartzvald und Midgard haben ein Bündnis geschlossen. Wenn wir eine Einheit sind, warum wird dann getrennt geurteilt?" Sie hatten Recht.
Sie hatten schon länger etwas, etwas, das sie nicht definieren konnten, als verkehrt aufgefasst. Etwas hatte auch ihnen gegenüber nie ganz und gar gestimmt. Doch sie hatten nie hinter die verlogene Fassade zu blicken vermocht.
"Ich bin ein Gefangener."
Markos, Emilia und Ikarus erstarrten ob dieser Aussage von Riwalon Rowenberg. Aus der entferntesten Distanz blitzte ihnen die Wahrheit entgegen. In dieser Entfernung war es noch unmöglich, sie zu greifen. Es war schwierig, ihr zu folgen.
Es verblieben bloss noch wenige Minuten bis zum Aufbruch, bis die Soldaten ihn abholen würden, um ihn in die Slums von Lighthalzen zu geleiten.
"Ich, Midgard, wir sind um unsere Freiheit betrogen worden," sprach er mit düsterer Miene, "Niemals sind wir mit offenen Armen empfangen worden, nachdem Arunafeltz Prontera attackiert hat. Meine letzte Erinnerung ausserhalb dieses Zimmers sind die Tage vor der Evakuierung. Wann immer ich seither dieses Zimmer, diese Zelle verlassen habe, dann ist es mir schwarz vor Augen geworden. Ich kann mich an keinen Funken Freiheit in Lighthalzen erinnern!"
Aschfahl spiegelte sich in Markos' Augen sein Herrscher wieder, das Haupt in Wehmut gesenkt, keinerlei Hoffnung mehr ausstrahlend. Er schlussfolgerte, dass es entsprechend der Worte keinen Sinn machte, sich nach den Vorhaben Schwartzvalds zu erkundigen. Nach den Abscheulichkeiten, die sich fern ihres Verständnisses zusammengebraut hatten. Es existierte keine Einheit. Vergebens versuchten seine Gedanken, sich Bedeutungen zu krallen, doch alles, was sie umfassten, war abgrundtiefes Grausen.
"Warum...?," hauchte er, "Warum dann schliessen Sie sich ausgerechnet aus unserer Flucht aus?"
"Weil ich nicht weiss, was hinter der Schwärze lauert." Er konnte sich nicht erinnern, aber er hatte sein Zimmer dennoch dann und wann verlassen und mit seiner Antwort fiel Markos die Rede wieder ein, die Riwalon Rowenberg zusammen mit dem Präsidenten vor nicht allzu vielen Stunden abgehalten hatte. Wenn er so darüber nachdachte, erschien es ihm tatsächlich, dass sich Riwalon Rowenberg im Detail seltsam verhalten hatte. Sofern dies denn überhaupt Riwalon Rowenberg gewesen war. Mehr und mehr graute es dem Schwertkämpfer vor der dämmernden Wahrheit.
Sie hatten keine Zeit mehr. Mit bösen Vorahnungen wurden sie wieder zu Abbildern von Soldaten. Der König wurde von Soldaten abgeholt und durch das Gebäude nach draussen und an den riesigen Fassaden vorbeigeführt, sie hatten sich darunter gemischt und konnten ihn im Auge behalten.
Präsident Adam von Dieffenbach höchstpersönlich, begleitet von seinem Bodyguard Ariano Rhoad, hatte ihn vor seinem Zimmer erwartet. Er erschien genauso glanzvoll wie die gesamte Atmosphäre dieser glorreichen Stadt, gekleidet nur in die allerschönsten Stoffe, weiss und rein hatte er sie sich als goldverzierte Mauern um seinen makellosen Körper gezogen, der gekrönt wurde von seinen langen güldenen Haupthaaren. Bei der Rede noch hatte er die Freundschaft und den Frieden gepredigt. Nun hatte er aus kalten Augen auf seinen Gegenüber hinabgeschaut: "Ist dir zu Genüge zuteil geworden, was ich von dir verlange?" - "Jawohl," hatte Riwalon geantwortet. Adam von Dieffenbach hatte sich sogleich wieder abgedreht, um sich zurück in sein Büro zu begeben. "Ariano," hatte er sich noch an seinen Bodyguard gewandt, "Bevor ich mich zu meiner wohlverdienten Ruhe legen werde und du dich an deine Arbeit machst, kümmere dich auf der Stelle darum, dass diese Huren vom Dienst mich nicht erwecken. Es sei dir gutzuheissen, dass du die wissenschaftliche Abteilung ermahnt und erinnert hast, dass ich morgen keinen Sonnenstrahl in meinem Gemach gestatte, bis ich mich erhebe, aber das wird nicht reichen, auf sie ist letztlich kein Verlass und wenn du dich nicht hierum kümmerst, werde ich morgen wach sein, bevor die Nacht vorüber ist. Das wäre unverzeihlich. Unsereins ist für die hübschen Stunden aller Tage gemacht, nichts haben sie mit den Schatten gemein, die das Lichte begraben und einzig die Hässlichkeit sich wie ein Tumor ausbreiten lassen." - "Jawohl, mein Herr."
Riwalon hatte sich bedeutend seltsam verhalten. Er marschierte geradeaus seinen vorherbestimmten Weg, das Gesicht blankgeputzt von jeder Emotion. Es lag auf der Hand, dass er in diesem Zustand nicht bei Bewusstsein war, aber sie konnten nichts tun und mussten sich mit ihm und den Soldaten auf das Luftschiff begeben.
An Bord des Luftschiffes verschafften sie sich mit sofortiger Wirkung einen Überblick über die Sachlage, als das Gefährt auch schon abhob, um in die Richtung der Slums zu fliegen. In diesen wussten sie Jonah & Co, Ewan Sulisan hatte den Fakt erwähnt, dass sie dorthin getrieben worden waren. Und dass sie dort elendlich verrecken sollten. Markos und Emilia betrachteten diesen Wortlaut des Bodyguards mehr und mehr wortwörtlich und weniger als Benennung eines Wunsches.
An Bord hielten sich zu ihrem Entsetzen nur sehr wenige Soldaten auf. Von der Reling aus konnten sie mehr Soldaten am Tor zwischen der Stadt und den Slums als auf dem Luftschiff erkennen, was absurd und mit bitterer Erkenntnis verheissungsvoll war.
Sie hatten keine Wahl. Sie suchten Riwalon in seinem Kämmerlein auf und fanden ihn in der Abwesenheit seiner Sinne. Er reagierte nicht auf ihren Ruf an seinen Verstand. Der König in seiner prächtigen Rüstung war nicht einsatzbereit. Sie hatten ihren König verloren.
Sie durchsuchten die Räume des Luftschiffes. Sie fanden nichts. Ikarus war es, der darauf die Entscheidung traf, seinen Zauberspruch, der für die Flucht aus dem Luftschiff angedacht war, hier und jetzt zu verwenden. Er konfrontierte die Soldaten an Bord und erfuhr schrecklichstes. Es war nicht geplant, das Luftschiff landen zu lassen. In einem Scherz sprach ein Soldat von einem Feuerwerk der extravaganten Sorte. Von einer Ladung des Schiffes, die es in sich hatte: "Dieses Spektakel wird nicht so rasch vergessen werden, endlich wird das Volk unter unserem Herr Präsidenten geeint sein."
Als Ikarus den anderen Bericht erstatten wollte, stampfte Markos, der gelauscht hatte, aus seiner Deckung. Genervt im Angesicht der offengelegten Karten dieses Herrschers stellte er sich den Soldaten. Wutentbrannt über das hervorsickernde Gedankengut, das es bevorzugte, in einer zweigeteilten Gesellschaft die Grenzlinie zwischen den Seiten zu einem Schlussstrich zu definieren und alles dahinter ganzheitlich von sich zu brechen, um Geschlossenheit in die Finger zu bekommen, kämpfte er gegen das Feindbild an, das sich ihm offenbarte. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Er konnte seinen König unmöglich im Stich lassen. Für ihn und dessen Feindbild war er gewillt, in die Schlacht zu ziehen. Um ein Volk zu vereinen.
Tea wollte das ihre Signal abschicken, das Klopfzeichen durch die Gildenabzeichen schicken. Es spielte keine Rolle mehr, dass sie geortet werden würden. Die Soldaten an Bord waren keine Bedrohung, sie konnten mit Leichtigkeit entkommen, wenn denn das Luftschiff nur landen würde. Sie mussten es unter Kontrolle bringen, woran Markos bereits arbeitete, indem er gegen die Soldaten kämpfte. Tea wollte ihren Anteil tun und mit ihrem Klopfzeichen Jonah & Co in den Slums warnen. Sie fasste den Entschluss, dass es gar nicht mehr auf das Klopfzeichen ankam und jemand der anderen alle bekannten Informationen durchgeben sollte. Leider musste sie feststellen, dass sie kein Signal verschicken konnte. Offenbar war das Wellennetz blockiert und das Luftschiff passierte zu diesem Zeitpunkt schon die Mauer zwischen der Stadt und den Slums. Sie mussten unbedingt etwas unternehmen. Sie mussten ihre Freunde, das Volk von Prontera, von Midgard, sie mussten die Bewohnerschaft der Slums unter allen Umständen warnen, bevor es zu spät sein würde!
"Ich übernehme das!," brachte sich Emilia ein. Tea verfolgte angespannt, wie sich die Händlerin fest entschlossen ganz nach vorne des Schiffes begab. Sie kletterte über die Reling und bis ganz nach vorne des Bugs. Sie fokussierte ihre ganze Energie auf ihre Lungen, hielt sich im Rücken an den hölzernen Balken fest und brüllte auf. Aus den Schatten unter dem massiven Ballon versehen mit dem Firmenemblem der Rekenber Corporation schallte ihr Rufen aus den himmlischen Gefilden hernieder in die lebhaften Gassen der Slums. Aus der mitternächtlichen Erwartung schallte ihr Rufen, die gewaltige Fertigkeit der Marktschreier, über ganze Märkte hinweg ihre Waren anzupreisen, nur um dieses Mal die Evakuierung der Slums auszurufen.
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#446 Koikun

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Posted 11 September 2017 - 05:08 PM

[Die "Gilde" - Lighthalzen Slums - Neujahr, ab 00 Uhr]

1000 Jahre lang hatten die Riesen und die Götter gegeneinander Krieg geführt, 1000 Jahre lang hatte der darauf beschlossene Frieden angedauert. Er war vorüber. In dieser Nacht der Altjahrestagsfeier mündete nicht einzig das letzte Jahr, sondern die gesamte Essenz der vorangegangenen 1000 Jahren des Friedens, die auf Ragnarok gefolgt waren.
Präsident Adam von Dieffenbach hatte mit holden Worten auf 1000 und 1000 weitere Jahre des Friedens geschworen. König Riwalon Rowenberg hatte ihm zugestimmt. Denn obschon nichts und niemand verleugnen konnte, dass der lange Weg der Menschen nicht immerzu bloss vom helllichten Tag gesäumt gewesen war, so konnten sie dennoch einander die Hand reichen und einander aufhelfen, wenn die Beine auf der Wanderung in einen neuen Morgen ermüdeten. Sie konnten aufeinander zählen, weil die Götter über ihnen stete Wache standen. Letztlich war der Frieden den Menschen versprochen worden, von den Göttern, gegen die Riesen.
Die Hauptstadt des Königreiches Midgard, Prontera war durch den Staat Arunafeltz attackiert worden. Die Republik Schwartzvald war zur Hilfe geeilt und hatte sich mit Midgard gegen Arunafeltz verbündet. Die ganze Stadt Prontera war jedoch mitsamt dem Grossteil der Kriegerschaft von Midgard und Schwartzvald spurenlos verschwunden. Präsident Adam von Dieffenbach von Schwartzvald hatte das aus Prontera evakuierte Volk aufgenommen und in den Slums untergebracht. Der Krieg gegen Arunafeltz war zu einem Stillstand gekommen, doch nicht die Zeit. Es war Mitternacht am letzten Tag des Jahrtausends geworden. Und der neue Morgen war noch ausserordentlich fern.

Am Bug des Luftschiffes im Dunkel der späten Stunde krallte sich Emilia, mit kraftbepackter Stimme nach unten in die Slums deren Evakuierung ausrufend. Sie war am ganzen Hang der nur spärlich beleuchteten Slums zu vernehmen, wenn man denn nicht abgelenkt war.
Die Gassen zwischen den heruntergekommenen Hütten und den errichteten Zelten waren durchflutet von den Menschen aus Prontera und den Gästen aus Midgard. Sie waren allesamt hergeströmt, dem Versprechen eines Abschlusses, einer Mündung des Abends folgend. Erwartungsvoll diskutierten und quollen sie bis diejenigen, die das Luftschiff in Vorfreude verfolgten, das Rufen vernahmen. Teilweise erkannten sie sogar Emilia als erschreckend lebhafte Galionsfigur, doch noch wusste niemand, was sie meinte und was mit ihr anzufangen war.

Auf dem Luftschiff: Markos erledigte mit der Unterstützung von Ikarus die letzten Soldaten an Bord. Es war gut, dass der Schwertkämpfer und Emilia zumindest noch ihre Ausrüstung wiederbekommen hatten, weshalb er nun ungeniert für seine Grundsätze einstehen konnte.
"Die Hand, die uns gereicht worden ist, ist keine freundschaftliche gewesen..." Er wusste nicht, was die jüngsten schauderhaften Entdeckungen zu bedeuten hatten. Aber dies erschien ihm offensichtlich. "Sie haben uns nicht aufgeholfen, sie haben uns mit sich in die Dunkelheit gezerrt."
Ikarus' Ohren zuckten auf, augenblicklich wies er unter Deck. Er hatte unter Deck Bewegung ausgemacht. Dabei war er sich absolut sicher gewesen, dass ausser ihnen niemand an Bord war. Sie eilten los und unter Deck, fanden sich Seite an Seite im engen Flur und kurz vor der Tür zum Kämmerlein des Königs ein. Dieser, der vollends gerüstete Runenrittermeister Riwalon Rowenberg war hinausgetreten. Er hatte sich endlich aus seiner starren Besinnungslosigkeit bewegt, Markos war heilfroh.
Zur gleichen Zeit hatte Tea das Cockpit geentert, wo sie feststellen musste, dass es keinen Kapitän gab. Die Steuerung war durchwegs blockiert und das Luftschiff wurde von ausserhalb, vermutlich von der Rekenber Corporation aus gesteuert.

Das Luftschiff hatte die Stadtmauer passiert. Das mächtige Tor zwischen den Slums und der Stadt war geschlossen und verriegelt worden. Auf der Seite der Slums erhoben sich die furchteinflössenden Wächter, sie hatten sich als Torwächter auf ihrem neuen Posten eingefunden.
Stadtseits reihten sich die Einheiten der Soldaten. Der Bodyguard des Präsidenten, Ariano Rhoad, war kürzlich ebenfalls hier eingetroffen. Sein Herr war in Sicherheit. Die Störenfriede waren entweder in den Slums oder auf dem Luftschiff gefangen. Sie dachten wohl, man wäre ihnen nicht auf den Fersen gewesen. Doch die Gildenabzeichen, die Markos zurückgewonnen hatte, waren selbstverständlich registriert worden und konnten folglich verfolgt werden. Er hatte sie machen lassen. Sollten sie sich bis zu ihrem unausweichlichen Niedergang auch nur im kleinsten Vorteil wähnen, so empfand er dies als bedauerlich, was sie unter ihm derart klein machte, wie es sich für Insekten wie sie gehörte.
Ein Mann mit lächelnder Maske trat heran und versicherte ihm, dass alles vorbereitet war. Der unscheinbare alte Bodyguard liess es sich nicht ansehen, aber er war erfreut. All die Jahre Forschung für diesen Augenblick. All die Jahre Krieg für diesen Frieden. Es war wundervoll und er konnte es kaum erwarten, seinen Herren die Früchte der alten Tage ernten und morgen am geeinten Tisch von Lighthalzen kosten zu sehen.
Das Wellennetz war derart manipuliert, dass der Fernkontakt sowie Teleportation verunmöglicht war. Um die Slums herum war in einem grosszügigen Abstand zu den ersten Unterkünften unterirdisch eine Falle installiert. Sie umkreiste die Slums komplett und war einzig auf der Passage zum Stadttor offen, um eventuelle Zugriffe zu ermöglichen. Bei der Falle handelte es sich um eine massive Dornenfalle generiert durch Genetiker. Sollte jemand über die unterirdische Falle tappen, würden etliche Dornenranken aus der Erde schnappen und die Person an Ort und Stelle fesseln. Die Dornen waren lebensbedrohlich, aber wenn man sich nicht dagegen wehrte, bestand abgesehen von der einschneidenden Bewegungslosigkeit keinerlei Lebensgefahr.
Um über die Falle hinwegzugelangen, reichte ein Sprung nicht aus, es waren mehrere Meter zu überbrücken, um nicht erwischt zu werden. Ausserdem waren ausserhalb versteckt Personen positioniert, um einzugreifen, sollte die Flucht trotzdem jemandem gelingen. Aber warum sollte man schon flüchten, wenn doch ein prächtiges Feuerwerk bevorstand?
In den Slums wurde die Landung des Luftschiffes erwartet. Es war nicht angedacht, dass es landete.
Ariano Rhoad befahl derweil stadtseits, sich bereit zu halten. Ein Feuerwerk war durchaus geplant, um das Volk von Lighthalzen zu täuschen. In bloss zwei Minuten würde das Feuerwerk die Nacht erhellen und die andere Ladung des Luftschiffes den belebten Slums den Atem verschlagen.

Jonah indes hatte ihre Deckung verlassen und war aufgestanden. Sie wollte die Aufmerksamkeit Emilias erregen. Auch wenn ihre eigene Stimme sie nicht erreichen würde, so würde die Händlerin eventuell Details schreien, wenn sie vertraute Gesichter erkannte. Mit den Armen in der Luft winkte sie in Richtung des Luftschiffes - Yuen tat es ihr gleich.
Da das Luftschiff sehr tief flog, erkannte Emilia die beiden nur wenig später. "Das Luftschiff trägt eine gefährliche Ladung!", schrie sie aus Leibeskräften, "Ich weiß nicht was es ist, aber womöglich soll es alle in den Slums töten! Alle Menschen müssen sich sofort in Sicherheit begeben! Beeilt euch!" - Jonah und Yuen sahen einander an. "Was gedenkst du zu tun?", fragte er. "Das werden wir besser schnell herausfinden", erwiderte die Assassine kurz, "Komm!" - Schnellen Schrittes verließen sie das Dach durch die Luke ins Innere. Die anderen hatten teilweise mitbekommen, was passiert war - doch Jonah brachte es im Kreise nochmal auf den Punkt: "Das Luftschiff soll uns womöglich alle töten. Was machen wir?"

Für einen Augenblick wurden ratlose Blicke ausgetauscht. "Können nicht die Magier etwas tun?", fragte Wolfgang in die Runde und sah dabei Roy und Rincewind an, "Vielleicht kann man dem Luftschiff mit einem Gravitationsfeld beikommen?" - Rincewind schüttelte den Kopf: "Nein das wirkt nur am Boden - ein Ziel so hoch in der Luft ist damit nicht zu beeinflussen." - "Ich kann mit meinen Segnungen dafür Sorgen, dass wir schneller laufen können", merkte Arhat an, "Aber bei so vielen Menschen -" - "Das wird nichts", stimmte Yuen ein, "Wir wissen auch nicht was für eine Ladung wirklich an Bord ist. Vielleicht ist es ein Zeitzünder, vielleicht reagiert er auf Erschütterung bei der Landung. Wir wissen es nicht. Wir sollten zusehen, dass irgendwie Emilia und vermutlich Markos von diesem Luftschiff kommen und dann zusehen, dass wir uns in Sicherheit bringen."

Roy brachte schliesslich die Idee vor, das Luftschiff zusammen mit Rincewind Wetterwachs mit einer Säule aus Eis an Ort und Stelle zu binden, während die anderen die Evakuierung vollziehen sollten.
"So viel Zeit haben wir nicht...," grummelte der alte Magier und Roy wunderte sich, bestärkend: "Zusammen können wir es schaffen!" - "Daran besteht kein Zweifel, ja," stimmte er hierauf zu, dann auf den Tisch packend: "Ich bezweifle jedoch, dass die Evakuierung innert erfreulicher Frist vollzogen werden kann. Mein Gegenvorschlag lautet, dass nicht wir uns bewegen, sondern dass wir das Luftschiff bewegen." Er wollte sich schon daran machen, seine alten Knochen zu bemühen. "Ein Auftrieb, oder ein Sturmwind, wenn wir sowas hervorbringen können, müssen sie sich an Bord auch nicht mit dem Steuer auseinandersetzen. Ausserdem wird dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass die Ladung über die Slums niedergehen wird, minimiert." Er ging nicht davon aus, dass ihre Freunde an Bord des Luftschiffes gegenwärtig in Gefahr waren.
"...kannst du es denn tun?"
Er wandte sich zurück. Nein. Er verfügte über keinerlei starke Feuer- oder Windmagie. Trotzdem. Er antwortete, ehe er sich aufmachte, sich auf das Dach zu begeben: "Ich muss es versuchen." Roy ballte die Hände und nahm augenblicklich die Verfolgung auf, sich dabei an die anderen richtend: "Wer uns helfen kann, kommt mit auf das Dach, unser Vorhaben ist nicht ausgereift, weitere Ideen sind also willkommen, ansonsten... zähle ich auf euch, dass ihr eine Evakuierung nach Süden anstrebt, wir versuchen, das Luftschiff nach Norden zu treiben!"

"Na toll!", grummelte Jonah - sie war offenbar Teil des Bodenteams. Yuen, Wolfgang und Arhat waren an ihrer Seite. Zusammen lösten sie die Barrikaden der Tür und trieben hinaus. Einen Plan hatten sie nicht. Sie mussten improvisieren. Doch vor dem Unterschluf hielten sie einen Moment inne.
Von hier unten wirkte die Menschenmasse noch viel größer als vom Dach des Hauses. "Die kriegen wir nie evakuiert", merkte Jonah mit einem resignierten Unterton an. "Wir müssen es versuchen! Es geht um Menschenleben! Jedes Leben, das wir retten können, ist wichtig!", erwiderte Arhat und schritt voran. "Er hat Recht. Wir können die Menschen nicht ihrem Untergang überlassen - es geht nicht nur um die Slums und ihre Bewohner, es geht auch um das ganze Volk von Prontera!", stimmte auch Wolfgang ein. Yuen und Jonah waren willens mitzuziehen - doch es blieb unklar, wie sie diese Menschenmasse mobilisieren sollten.
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#447 Ashielf Pi

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Posted 25 September 2017 - 04:02 PM

[Die "Gilde" - Lighthalzen Slums - Neujahr, ab 00 Uhr]

Jonah, Yuen, Arhat und Wolfgang hatten sich vor der Hütte eingefunden und mussten sich erst noch für eine geeignete Vorgehensweise entscheiden, um einerseits Glauben zu finden und andererseits keine Massenpanik auszulösen, während Rincewind und Roy sich auf dem Dach einfanden. Das Luftschiff hing bereits über ihnen und bedeckte die Sicht zum Nachthimmel.
"Ich wüsste nicht, was außer einer Massenpanik wir bezwecken können", wandte sich Jonah an Arhat - sie war einigermaßen ratlos.
Der Mönch verzog das Gesicht: "Wir müssen es versuchen." Meinte er noch, bevor er sein bestes gab, um in lauter und fester Stimme auf die Anwesenenden einzureden. Doch es waren zu viele Menschen. Bis er die Aufmerksamkeit hatte, wäre es bereits zu spät. "Ich hab da ne Idee", sprach Wolfgang mysteriös, eilte geschickt durch die Menschenmenge in den nordöstlichen Teil und kletterte dort auf einen abgedeckten Brunnen in der Nähe. "Achtung, dort!", schrie er mit seiner gewaltigen, trainierten Stimme. Dies bescherte ihm einige Blicke, die daraufhin seinem Fingerzeig folgten. Während die Augen entweder dort waren, wo er sie brauchte, oder ihn noch ignorierten, zückte er seine Laute und begann zu spielen.

Für alle in Hörweite trug sich im Norden und auch Richtung Osten unheimliches zu. Der Boden bebte kurz und Risse zeichneten sich ab. Schliesslich schlossen einzelne spitze, meterlangen schwarzen Stäbe aus dem Boden. Immer mehr von diesem schwarzen Unbekannten wurde durch die Erde gepresst, so als würde gerade riesige Dornen gen Himmel wachsen wollen. Sein Ziel erreichte Wolfgang. Erste Panik machte sich breit, als die Formen erkennbar waren. Meterhohe Wesen mit vier stelzenartigen Beinen und halb gebogenen, scharf wirkenden Sichelarmen standen dort. Sie hatten keinen Kopf, stattdessen waren die Oberkörper mit hunderten Augen gespickt, die wild umherstierten. Ein erster Schrei. "Lauft, so schnell ihr könnt!", stachelte Wolfgang an. Die Verwirrung war bald perfekt und die ersten Dominosteine fielen.
Der Mönch und die Assassinen erkannten die Taktik und begannen, die sich anbahnende Stampede in die richtige Richtung zu lenken. Arhat schob schwere Kisten vor Seitengassen, die nach Osten führten, während Jonah und Yuen auf findigere Art Passagen nicht begehbar machten: Beide hatten sich in die Schatten gehüllt. Blieben dem Volk verborgen. Die Slums boten ihnen so mehr als genug Bewegungsfreiraum. Um die Menge zu lenken und die Panik noch zu unterstützen beschworen sie an verschiedenen Orten immer wieder spitze Gesteinsdornen aus dem Boden herauf - insbesondere für Jonah war es eine Technik, die sie seit langem nicht mehr verwendet hatte. Systematisch huschten sie von Gasse zu Gasse. Es war für beide sehr anstrengend, doch sie konnten nur so mitwirken. Mit den Gesteinsdornen bildeten sie Sperren in Seitengassen, um die Menge auf dem Hauptweg in Richtung Süden zu lenken.

Galionsfigur Emilia erhaschte derweil die Magier und kletterte zurück in Sicherheit in Erwartung von aufkommender Magie. Auf Deck musste sie sich aber allein zwischen ein paar bewusstlosen und gefesselten Soldaten finden. Tea versuchte, sich im Cockpit zu schaffen zu machen, und Markos und Ikarus waren unter Deck. Das wusste sie aber alles nicht.
"Markos, Ikarus?!", rief sie fragend über das Schiff, "Tea?!" - doch die konnte ohnehin nicht antworten. Niemand um sie war mehr auf den Beinen. "Wo sind nur alle", fragte sie sich nervös - zwar waren alle Soldaten um sie keine Gefahr - doch das schloss nicht aus, dass es weitere gab.
In schnellen Schritten bewegte sie sich über das Luftschiff. Hielten sie weiterhin auf den Landeplatz zu? Es fühlte sich an, als würde das Luftschiff stillstehen. Sie sah die Treppe unter Deck - niemand war da. "Markos?!", rief sie hinunter. Erneut keine Antwort. "Verdammt noch mal", murmelte sie leise und eilte die Stufen hinunter, "Irgendwo müssen die doch sein." - "Hier sind wir!", antwortete Markos, der plötzlich aus einem der Räume auf den Flur getreten war. Emilia fiel ein Stein vom Herzen - doch was nun?

"Unsere Position ist nicht perfekt," kommentierte Rincewind auf dem Dach unter dem Luftschiff, "Um das Luftschiff nach Norden zu treiben. In Retrospektive muss es zudem ein Aufwind und kein Sturmwind sein. Meine Feuerbewandtnis ist immerhin existent." Es kam folglich nicht in Frage, einen Hang-Aufwind durch Wind zu erzeugen. Thermik war die Antwort. [Sight Blaster] jedoch würde zu gleichmässig unter dem Luftschiff gesetzt werden. Dieses würde dadurch höchstens hochgetrieben werden. Und mit seinem alten Körper konnte er sich unmöglich innert nützlicher Frist umpositionieren.
"Kannst du einen Feuerball verschiessen?," fragte da Roy, ein angespanntes Nicken erntend. "Gut. Dann bitte ich dich, die Luft südlich und möglichst tiefliegend zu erwärmen. Ich kümmere mich darum, die Luft darüber erkalten zu lassen." Und schon eilte er los, sich geschickt Brücken aus Eis zwischen den Baracken bauend, um von Dach zu Dach zu gelangen, was von beeindruckten Stimmen aus dem Fluss des Volkes unter ihm untermalt wurde.
*Wohl wahr,* dachte sich Rincewind zufrieden aufatmend, *Es macht mehr Sinn, beide Aspekte zu beanspruchen, von denen einer in unserem Metier gelegen ist, anstatt nur jenen Aspekt auszuloten, in dem wir beidsamt nicht meisterlich sind. Eine hervorragende Idee. Die Jugend holt ungemein rasch auf, nicht nur was den Körper anbelangt...*
Er traute seinen Augen nicht. Plötzlich geriet Roy über seinem gefertigten Weg in ein abruptes Straucheln.
Roy ächzte auf, strauchelte vorwärts von der Brücke und stürzte sich auf das nächste Gebäudedach. Den Schmerz wegbeissend, anstatt aufzujaulen, stierte er an sich herab und fokussierte aus erschütterten Augen den Pfeil, der so lang war wie sein Arm und sich ihm von irgendwo in der Nacht durch die Hüfte gebohrt hatte. Er hatte seine Deckung verlassen.

Das Feuerwerk begann.
Anscheinend hatte sich am Heck des Luftschiffes eine Luke geöffnet und schon zischten etliche in der Dunkelheit nicht sichtbare Flugobjekte himmelan. Sodann gingen sie weit über der Mauer zwischen Lighthalzen und den Slums in herrlichsten Blüten auf. Das Feuerwerk erstrahlte als wunderschönes Farbenmeer, das die ganze Stadt der Zukunft in Windeseile zum Tag werden liess. Durch die Fenster und von den Strassen bestaunten und bejubelten die Menschen das lichte Meisterwerk.
Doch in den Slums war hiervon nichts zu sehen. Verwundert realisierten die Leute, dass sie ja unterhalb des Luftschiffes standen, hinter und über welchem das gleissende Geschenk an ihre Gegenwart verborgen blieb. Im Gegenteil sogar: Der Schatten, der durch das Luftschiff über ihnen geworfen wurde, erschien so manchem noch finsterer als zuvor.

Rincewind hatte schon den Angriff auf die Slums erwartet, doch war es doch nur ein Feuerwerk, was ihn ein wenig irritierte, folgerichtig wandte er sich darauf sofort wieder davon weg und suchte erneut den Blickkontakt zu Roy, der ein paar Gebäude weiter zähneknirschend nach Westen zeigte. Zum Tor zur Stadt. War er von dort attackiert worden?
Eine Weiterverlegung der Position war nicht denkbar, sie mussten mit den gegebenen Standorten auskommen, also ging es Rincewind sogleich an, so sah es auch Roy, immerhin konnte er seine Hände noch benutzen und entsprechend konnte er auch noch Magie manifestieren. Er streckte sie empor, um die ersten Eiskristalle entstehen zu lassen, und Rincewind feuerte seinen ersten Feuerball in seine Richtung nach Süden, da erschraken sie beide fürchterlich und sie zuckten zurück. Die Flammen schlugen unversehens und unkontrolliert aus ihrer Bahn und aufwärts. Erst etliche Meter vor dem Schiff und einzig weil Rincewind die Technik unterband, stoppten sie. Er konnte es sich zuerst nicht erklären. Dann aber wurde es ihm mit fürchterlicher Ahnung bewusst: *Der Angriff auf die Slums hat bereits begonnen!,* schoss es ihm durch den Kopf. Vermutlich aus einer Luke in den Schatten des Schiffes. *Verwenden diese Monster etwa... Gas?!* Er hatte eine Katastrophe mit Ach und Krach befürchtet. Aber es offenbarte sich ihm, dass man sie viel mehr wie Schatten von einer Sonne im alltäglichen Vorbeigehen zu Boden werfen wollte.

Mit einem mal war der Himmel über Jonah und Yuen zum Flammenmeer geworden - auch sie hatten Rincewinds erweiterte Technik am eigenen Leib miterlebt. Die Hitze brannte für einen Augenblick gleißend heiß auf ihren Körpern - dann verstummten die Flammen. "Was war das?!", stieß Yuen, der zu Jonah aufgeschlossen hatte, aus. "Nicht nur die Technik vom alten Wetterwachs...", mutmaßte die etwas unruhig - sie hatte den Feuerball kommen sehen - doch dann hatte sich ein viel größeres Feuer entfacht, der Feuerball war geradezu in einer Supernova explodiert.
"Der Angriff auf das Volk hat begonnen", mutmaßte sie, "Sie greifen mit Gas an. Es strömt aus dem Luftschiff in die Slums." - Einen Moment dachten beide stumm nach - "Dass das geht, muss es schwerer als Luft sein...", eröffnete Yuen, worauf Jonah abschloss: "Und deswegen müssen sie Lighthalzen auch nicht schützen. Es wird von der Stadtmauer abgehalten." - "Diese Schweine", ließ Yuen sich hinreißen. "Wenn Wetterwachs das wiederholen kann, haben wir vielleicht eine Chance, zu verschwinden, bevor wir ersticken", sagte Jonah angespannt - so oder so, sie mussten schnellstmöglich von hier weg. "Hoffen wir, dass der Alte das auch begriffen hat" - Augenblicklich zogen sich beide wieder in die Schatten zurück - sie mussten so schnell wie möglich mit den anderen sprechen.

Das Schauspiel des Feuers überraschte die Menschen und es wurde sich gewundert, ob nicht doch noch ein Feuerwerk für die Slums folgen würde. War dies soeben der Prolog zum grossen Spektakel gewesen? Eine Frage, die lose in den Köpfen pendelte, eine Richtung der Gedanken war nicht klar gegeben. Noch nicht. Das um sich züngelnde Feuer um das Luftschiff und die panischen Menschen aus dem Norden versetzten nach und nach aber auch die restliche Menschenmasse in den Slums in Unruhe. Plötzlich wurde von einem neuen Attentat gesprochen und von einem eventuellen Angriff. Von der Luft aus konnte man klar sehen, wie sie sich durch die Gassen quetschten und Wolfgang als Art Hirtenhund von Norden her weiter drückte.
Jene Menschen, die in den Westen und somit nach Lighthalzen selbst flüchten wollten, wurden von Wächtern gesperrten Toren begrüsst, während der Osten nicht sonderlich willkommen schien, führte er doch bergauf. Hinzu kamen noch die Sperren, die Arhat, Jonah und Yuen überall errichtet hatten. So blieb schliesslich nur die Flucht gen Süden.
Sie drängten und drängten immer weiter südwärts und schliesslich aus der Stadt. Die Bedrohung schien gemäss der nachrückenden Leute hinter ihnen her zu sein und das zuvor aufgeschlagene Feuer hatte sich im Süden der Slums ereignet, es erschien immer mehr, dass es in ihnen nicht mehr sicher sein konnte. Während es bisher bloss ein stockendes Fliessen aus den Gassen gewesen war, konnten doch lediglich die hintersten die Illusion erkennen, wuchs die Unruhe mit jeder Sekunde weiter an, während abseits des Schattens, in dem sie quollen, das Feuerwerk den Himmel über Lighthalzen weiterhin mit ganzer Farbenpracht bemalte.
"Was ist hier nur los?," fragten sie sich, "Sind die Slums Ziel einer Attacke?," wunderten sie sich, "Was ist mit dem König?," sorgten sie sich mit Blick empor zum finsteren Grund des Luftschiffes.
Dann jedoch ein Schrei und die vordersten fuhren umher. Einzelne Personen waren weiter nach Süden gelaufen. Jäh brachen wild peitschende Dornenranken aus der Erde und schlangen sich um sie, sie fesselnd und niederreissend, blutüberströmt zurück hinter die unterirdische Grenze fallen lassend.
Gleichzeitig wurde man westlich der Slums, auf der anderen Seite des verschlossenes Tores, gewahr, dass die Falle ausgelöst worden war. Die erwartete Unruhe war also bereits eingetreten. Aber das war kein Problem, wie sich der hiermit beauftragte Ariano Rhoad bewusst war: Die Chance auf Flucht war nicht gegeben.

#448 nEmai

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Posted 05 October 2017 - 09:08 PM

[Die "Gilde" - Lighthalzen Slums - Neujahr, ab 00 Uhr]


Das Luftschiff hing über den Slums. Über dem Luftschiff erstrahlte ein Feuerwerk für Lighthalzen, darunter waberte Gas in die Slums hinab. Die Slums waren umkreist von einer unterirdischen Dornenrankenfalle, einzig beim Tor zur Stadt war der Kreis offen. Das Tor wurde von den grossen, mechanischen Wächtern bewacht.

Die Menschen wurden nach Süden gedrängt. Angetrieben von hinter ihnen, durch Wolfgang's Illusion. Unter sie gemischt lenkten Arhat, Jonah und Yuen mit. Das Gas jedoch war von blossem Auge kaum erkennbar, in den spärlich beleuchteten Slums unter dem schweren Schatten des Luftschiffes noch viel weniger. Die vordersten Reihen hatten die Slums zudem bereits verlassen und wurden Zeuge eines grauenvollen Anblickes: Die aus der Erde brechenden Dornenranken malträtierten die, die flüchten wollten, und liessen sie schwer verletzt niedergehen. Die Unruhe an vorderste Front verwandelte sich zu Panik und so kam es, dass Fragmente der vordersten Reihen zurückrennen wollten. Ein Chaos drohte, in der scheinbaren Aussichtslosigkeit auszubrechen.


Rincewind Wetterwachs hatte gleich wie Jonah und Yuen durchschaut, dass es sich um Gas handelte. Sein Entsetzen machte er zum Grundstein seiner Motivation, denn wenn er das Gas mit aller Vorsicht verbrennen konnte, dann war es möglich, alle Zeit der Welt zu erkaufen. Es würde jedoch auch nützlich sein, zu ermitteln, woher konkret das Gas entladen wurde, weshalb er entgegen des Planes und ein paar Häuser weiter zu Roy's Überraschung einen kreisenden Feuerzauber beschwor, worauf sich der Himmel über den Slums abermals zu einem gleissenden Inferno verwandelte.

Klar, das konnte das Chaos unter ihm weiter befeuern, aber sie benötigen Informationen, um bloss keinen Fehler zu machen, und tatsächlich: Rechtzeitig hatte er seinen Zauber unterbunden und beobachten können, wie die Flammen aufwärtsschossen und verebbten. Am meisten aufwärtsgefressen hatten sie sich an zentraler Lage. Das Gas wurde folglich über dem Zentrum der Slums entladen und würde dort zuerst aufkommen. Die hintersten Reihen waren also in grösster Gefahr, dazu auch Wolfgang.

Er japste auf. Ihm wurde augenblicklich schwarz vor Augen. Ein verheerender Pfeilschuss hatte sich in der Nacht ereignet. Wie es zuvor schon Roy erwischt hatte, so erwischte es nun auch ihn. Er hatte den Himmel erleuchtet und war dadurch entdeckt worden. Mit gewaltiger Wucht schliss ihm der Pfeil durch den linken Unterarm und in die Hüfte, ihn von den Beinen und vom Gebäude in die Menschenmassen reissend.

Ungehört versickerte Roy's Aufschrei bei diesem Anblick, zu tumulthaft war es mittlerweile geworden. Wutenbrannt, doch nicht mehr imstande, zu stehen, stierte er nach Westen, zum Tor zur Stadt, das unterhalb der Slums und weiter hangabwärts vom ihnen unsichtbaren Feuerwerk erhellt wurde. Die Wächter. Einer hatte seinen Arm erhoben, darauf eine Armbrust.


Die Figuren fielen nach und nach, unverhofft jedoch traten zwei stolze Recken im Geschehen in Erscheinung: Südlich der Slums, wo der Strom der Menschen nicht nur physisch, sondern auch psychisch nur münden konnte und gerade zwei Familienväter den Ranken zum Opfer fielen, trat Sebastien von Silberhain mit aus dem Antlitz blitzender Entschlossenheit aus der Meute.

Sebastien von Silberhain und Alphonse Bolschakow hatten die Festivitäten aufgesucht, um mit ihrem König aufzuschliessen. Dieser aber war bei der Rede attackiert worden. Sie hatten nicht eingreifen können, hier war es nicht die ihre Pflicht. Trotzdem hatten sie ihre Augen offen behalten und auch vom Attentat auf den Schaualchemisten erfahren. Sie hatten für sich ermitteln wollen, um ihren König zu beschützen, denn augenscheinlich schlummerte in dieser Stadt eine nach Blut dürstende Bedrohung. Sie hatten die Gruppierung, die hinter den zwei Attacken steckte, stellen wollen. Seltsamerweise schienen aber beide von Personen verübt worden zu sein, die am Turnier auf Flechanto teilgenommen hatten.

Es war nur logisch, dass sie in die Slums gekommen waren, war ihr Ziel doch ihr König und seine Sicherheit. Dann war aber eine schlimme Unruhe herangewachsen und über ihren Köpfen hatten Lohen um sich geschlagen. Das Luftschiff landete nicht. Sicherlich zur Sicherheit der Leute an Bord. Die Bedrohung hatte die Slums heimgesucht und beschwor jetzt aus irgendwelchen Gründen ein fürchterliches Chaos. Das Ziel musste der König sein, die Feinde versteckten sich in den Slums, davon waren die beiden Männer überzeugt.

Der silberne Ritter Sebastien von Silberhain suchte die vorderste Front des Stromes auf. Er konnte die Verletzten heilen, die Falle hingegen war wahrscheinlich um die gesamten Slums erstreckt. Wenn seine Feinde schon Vorkehrungen in dieser Form getroffen hatten, dann war nicht davon auszugehen, dass die Falle mit Gewalt gegen einen einzigen Punkt geöffnet werden konnte.

Während er sich durch die Meute an die vorderste Front drängte, versuchte er mit grossen Worten, zur Ruhe aufzurufen. Er musste unbedingt erreichen, dass die Menschen in die Slums zurückkehrten, das war sein Vorhaben. Die Feinde beschworen Chaos, um sie aus den Slums und offensichtlich in die Hände der Falle zu treiben wie Schafe von einem Wolf. Das Gegenteil, die Rückkehr in die Slums, erschien ihm folglich als korrekte Herangehensweise.


Derweil in den hintersten Reihen der Massen: Alphonse Bolschakow hatte das gegenteilige Ende des Stromes aufgesucht, um den Wolf ausfindig zu machen, der die Schafe über die Klippe in den sicheren Tod verschreckte. Er wollte die Quelle der Unruhe stellen, die sich zuhinterst aufhalten musste. Das war zentral in den Slums gelegen, wo auch die Lohen über ihnen am konzentriertesten gewesen waren.

Da nahm auch ihn die Illusion der riesigen Dornen ein, die hinter den Menschen aus der Erde schossen und Zerstörung brachten. Woher kam dies plötzlich?, das musste er sich fragen, hatte er aus der Ferne doch nichts dergleichen ausgemacht. Es verblieb keine Zeit, um es zu hinterfragen, er musste sich dieser Attacke auf die Menschen annehmen, augenblicklich hatte er sein Zauberbuch aufgeschlagen und die Waffe seiner Wahl beschworen, ein gewaltiges Schwert sollte es sein, um die Dornen zu zerschmettern. Bewaffnet mit dem imposanten Gleichnis zur Morgensonne, dem Zweihandschwert Alca Bringer, stürzte sich der bronzene Ritter Alphonse Bolschakow in den Kampf.


Jonah und Yuen, die sich zwangsweise in Stromrichtung vorne befanden, hatten ebenfalls festgestellt, dass die Slums zu einer gewaltigen Falle geworden waren. Hinter ihnen Gas, vor ihnen kein Ausweg. Und von hinten drängten nur noch mehr Leute, so dass bald die ersten zerquetscht wurden.

“Kreative Ideen?”, fragte Yuen in der tosenden Meute recht fokussiert. Jonah sah sich um. Sie konnten die Slums nicht verlassen. Sie konnten aber auch nicht bleiben - dann würden sie dem Gas zum Opfer fallen. Das Gas. “Das Gas ist schwerer als Luft, haben wir doch festgestellt. Wir müssen auf den Hügel! Vielleicht kommen wir dort ein Stück aus dem Wirkungsbereich!” - Nur wie sollten sie jetzt die Masse umsteuern? Sie hätten Wolfgang an der Front gebraucht.

“Heda!”, ertönte es plötzlich kraftvoll in ihre Richtung, “Ich hatte angenommen, dass wenn wir euch den Kopf von den Schultern, wir auch das Unheil von euren Fersen hauen, aber mich dünkt es, ihr benötigt keinen Hlynur Jasminko, denn abermals finde ich nicht bloss euch, sondern auch einen angehenden Weltuntergang. Was führt euch hierher und was wisst ihr über die Situation?” - Yuen blickte den Ritter einigermaßen erstaunt ob seiner geschwollenen Redart an. Jonah sah zu Yuen: “Alte Bekannte.”, wandte sich dann an den Ritter: “Wir müssen die Menge dazu bringen, bergan zu laufen. Kannst du uns dabei helfen?! Wenn dieses Chaos beigelegt ist, ist Zeit zu reden!”


Sebastien musterte die Assassine eindringlichst, weiterhin versuchend, auf die Leute einzureden und sie zurück in die Slums zu treiben. “Bergan? Ich habe gefragt, was ihr wisst, nicht was ihr wollt. Warum sollen die Menschen bergan gesteuert werden?” Er liess vorerst gar keine Zeit für eine Antwort. “Das ist unmöglich. Die Slums sind unterirdisch eingekreist. Aber wenn ihr mich einweiht, kann ich vielleicht mitdenken.” Nachdem die letzten Attacken durch Leute verübt worden waren, die ebenfalls auf Flechanto gewesen waren, konnte er ihnen unmöglich ohne irgendwelchen Input vertrauten. Er wollte sich jedoch auch hüten, vorschnell zu urteilen. Umso mehr war er auf ihre Ehrlichkeit angewiesen.


“Hinter uns strömt ein Gas aus dem Luftschiff - wie ihr an den aufschlagenden Flammen eventuell festgestellt habt. Dieses Gas strömt nach unten, da es schwerer ist als Luft. Da wir hier nicht wegkönnen, müssen wir versuchen über das Erdniveau zu kommen!”, schrie Jonah ihm in der Menge entgegen, “Wir müssen einen Weg finden, die Masse auf den Berg zu bringen!”

“...” Sebastien festigte seinen Fokus ihr gegenüber. Dann blickte er aus ernster Miene empor zum Luftschiff. Er konnte es nicht glauben. Er konnte nicht glauben, was sie ihm erzählte. Warum sollte aus dem Luftschiff, auf dem der König sich befand, Gas ausströmen? Natürlich war ihm Lighthalzen nie geheuer gewesen, doch… natürlich klangen ihre Worte unglaublich, doch… Er erinnerte sich daran, wie sie Hlynur Jasminko auf Flechanto förmlich erlegt hatte. Er konnte es nicht glauben, aber er musste ihr glauben. Sie erschien ihm vertrauenswürdig genug.

“Was auch immer das zu bedeuten hat…,” murmelte er, dann bestimmt erfassend: “Wir müssen uns wohl oder übel mit den Dächern der Slums begnügen, Jonah.”


Keihaku
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Posted 05 October 2017 - 09:08 PM

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Keihaku
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#450 Koikun

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Posted 13 October 2017 - 03:31 PM

[Die "Gilde" - Lighthalzen Slums - Neujahr, nach Mitternacht]

Im zentralen Teil der Slums: Alles verlief so wie geplant. Amüsiert spielte Wolfgang auf seiner Laute, der Gefahr von oben wohl bewusst. Er vertiefte sein Spiel, beschwor mehr Ungeheuer, die aufschrien und fauchten. Die Menschen beschleunigten den Schritt, doch irgendwann wechselte es in ein mühsames Drücken. Es wirkte fast so, als würde das andere Ende der Menschenmasse an einer Wand stehen … oder zurückdrängen?
Aus eben dieser Menschenmenge stach ein potentes Schwert, geführt vom ihm bekannten Alphonse Bolschakow. Der Ritter schrie auf und stürzte sich Wolfgangs Illusionen entgegen. “Nein, du Idiot”, fauchte er leise vor sich hin. Die ersten Leute drehten sich um, den lebensmüden Helden mit grossen Augen musternd. Der Fluss an Menschen, der sowieso schon ins Stocken geraten war, blieb nun komplett stehen. Und das Gas drückte weiter von oben herab.
Er beendete sein Spiel gerade dann, als Alphonse seinen ersten Streich auf das vorderste der unechten Monster ausübte. Zusammen mit dem Schwerthieb löste sich das Monster und alle um ihn herum stehenden Illusionen auf. Verdutzt stand der Ritter kurz da, während Wolfgang vom Brunnen sprang.

“Hey, Fonzi!”, schrie Wolfgang dem Ritter entgegen, der inzwischen die Gesamtsituation erfasst hatte und sich ihm schnellen Schrittes näherte. “Wir müssen die Leute hier wegbringen, ich weiss nicht wieviel Zeit wir haben!” - “Du, was machst du hier? Hast du etwas mit den … mit den Monstern zu tun?”, fragte Alphonse leicht stockend. “Ich sagte …”, Wolfgang schluckte leer, als neben ihnen zwei Menschen anscheinend ohne äusserlichen Einfluss umkippten. “Das Gas”, stammelte Wolfgang und kramte einen Fliegenflügel hervor. Sein erster Gedanke war, dass er wach hilfreicher war. Doch natürlich wurden Teleportationstechniken unterdrückt, weswegen der Flügel ohne Effekt einfach so zerbröselte. “Windstoss, irgendwas. Wir brauchen Luft. Höhe… Mach was, Du Held!”, stammelte Wolfgang, während er auf die Knie fiel und sich krampfhaft wach hielt. Doch da klappte auch Alphonse bereits zusammen, um mit irritierter Miene vor ihm aufzuschlagen.

Südlich der Slums wurde die Taktikbesprechung mit Sebastien von Arhat kommentiert, der sich zu Jonah, Yuen und Sebastien dazugesellte: “Wir müssen davon ausgehen, dass die Slums ringsum mit solchen Dornenfallen umringt sind. Mit diesem Hintergedanken müssen wir wohl auf die Alternative mit den Häuserdächern bauen. Dann könnte man die Minuten ausharren, bis sich das Gas genug verteilt hatte.”
“Ich habe einen Plan,” übernahm da Sebastien das Kommando, “Sofern ihr gewillt seid, meinem Wort zu folgen, können wir es schaffen, die Menschen, unser Volk zu retten.” Er begutachtete die Männer, mit denen er zu arbeiten hatte. Einen solchen Verlauf des Abends hatte er sich wahrlich nicht ausgemalt.
“Ich kann sie eigenständig von diesem Punkt hier auf die Dächer lotsen,” zeigte er auf, “Nur bin ich nicht alleine. Alphonse hält sich ebenfalls in den Slums auf, um gegen die Bedrohung anzugehen, vor der sie flüchten. Wenn ich euch Glauben schenken kann, ist die Bedrohung jedoch nur eine Illusion und ihr seid dafür verantwortlich, um die Richtung vorzugeben und die Flucht vor dem Gas in Gang zu setzen. Wir haben ein anderes Bild von der Situation gehabt.”
Er wandte sich an Arhat: “Ich brauche die Assassinen, begebe also du dich an das andere Ende der Menge. Es ist möglich, dass der Fluss durch unseren Eingriff in ein Stocken geraten ist, setze ihn wieder in Bewegung und bringe Klarheit zwischen Alphonse und euren Illusionisten. Es ist anzunehmen, dass die ersten Menschen dem Gas bereits zum Opfer gefallen sind, beurteile folglich, ob überhaupt noch eine Illusion benötigt ist, um ihnen die Gefahr darzustellen. Die beiden Männer dort können wir sicher besser hier gebrauchen.”
Dann richtete er sich an Jonah und Yuen: “Dass es sich bei der tatsächlichen Bedrohung um Gas handelt, ist für mich auch deshalb glaubhaft, weil das Tor zur Stadt auf der Seite der Slums lediglich von Wächtern bewacht wird. Wenn unser Feind hierarchisch wirklich höher angesiedelt ist, haben wir davon auszugehen, dass sie unseren Plan nicht dulden werden. Vor allen die Bogenwächter werden auf den Dächern zu befürchten sein. Deshalb ist meine Vorstellung für euch, dass ihr euch zum Tor zur Stadt begebt und die Wächter ausschaltet, ohne Alarm zu schlagen.”
Dann schloss er sein Wort vor der Gruppe ab: “Kann ich auf euch zählen?”

Jonah sah zugegebenermaßen etwas unsicher zu Yuen. Sie hatte mit den Gildenkriegen und damit mit solchen Wächtern bisher nie viel am Hut gehabt. Sie waren mindestens doppelt mannshoch, ziemlich flink und nicht minder stark. Mit diesen Kolossen sollten sie es aufnehmen? Yuen nickte ihr sicher zu. So als ob er ihr sagen wollte, dass sie es schaffen konnten. - Er hatte in dem Punkt mehr Erfahrung. Er war ein regelmäßiger Teilnehmer der Gildenkriege. Sie vertraute darauf. “Wir werden unseren Teil erfüllen!”, gab er zurück und signalisierte Jonah, ihm zu folgen. Die beiden brachen sofort auf und wühlten sich flink durch die Menge.
Arhat nickte und begann seinen Zug zurück in den Norden. Wie ein Eisbrecher drückte er die Menschen um ihn herum weg, während sein neuer ‘Auftraggeber’ sich vorbereitete.

Sebastien, umströmt vom Chaos, faltete die Hände und erhob seine Stimme. Normalerweise beanspruchte er sie mit solch gewaltigem Einsatz einzig im Hohelied an die himmlischen Gefilde, um seinen Kameraden deren Segen zu gewähren. Nun jedoch benötigte er nicht Segen sondern Gehör.
Mit lautstark widerhallender Stimme durchdrang sein Wort die Meute und ringsumher fuhren die Menschen in Schrecken um. Er ergriff sie mit wohlgesetztem Wortlaut, indem er ihnen die Sicherheit versicherte und nicht die Gefahr betonte. Dennoch zeigte er auf, dass diese unterirdisch verborgen lag, was zwar nicht die ganze Wahrheit, aber auch nicht falsch war.
Die Sicherheit, so versprach er erhobenen Hauptes und mit erbebenden Lungenflügeln, war in der Anhöhe der Dächer zu finden. Langsam, aber zumindest sicher bekam er die Situation südlich der Slums in den Griff, dies weiterhin unterstützend, indem er die am Rand gelegenen Gebäude mit seinem kolossalen Lichtkreuz seitwärts gezielt einschlug, um den Aufstieg zu erleichtern. Da die am Rand gelegenen Gebäude nicht reichen konnten, rief er dazu auf, Bretter und derlei mitzunehmen, um Brücken auf die nächsten Gebäude zu bauen. Langsam. Aber zumindest sicher, was auch seiner Bekanntheit zu verdanken war. Als einer der höchsten Soldaten innerhalb der königlichen Garde von Prontera war er vom Volk seiner Heimat rasch erkannt und mit Hoffnung begrüsst worden.

Die Assassinen versuchten wie es ging einen Bogen durch die Randbereiche der Slums zu laufen. Es war der reinste Hindernislauf - gegen den Strom der Menschen und teils wegen von ihnen selbst geschaffenen Hindernissen. Das Luftschiff befand sich immer noch recht zentral über dem Geschehen - dort unter ihm war die Gaskonzentration folglich am höchsten. Am Rande der Slums war sie noch nicht so hoch - dort fiel das Atmen deutlich leichter. Gerade durchs Zentrum laufen zu wollen, würde in der aktuellen Situation Selbstmord gleichen.
Auf halbem Weg, im äußersten Westen der Slums, nahe der Bahngleise, legten die beiden eine taktische Pause ein. Sie waren nicht lange unterwegs gewesen, dennoch forderte das Gas auch hier seinen Tribut. Flink erklommen sie das Dach eines Hauses, blieben jedoch flach liegen. So wähnten sie sich sicher vor dem Gas und vor den Wächtern. Der Menschenandrang war hier nicht so groß. Die Ecke war für die Verhältnisse recht still. Sie beobachteten ihre stählernen Gegner für einen Moment. Sie waren ein Meisterwerk des menschlichen Erfindergeistes. “Wie kommt man denen am besten bei?”, fragte Jonah. Ihre Frage lag für einen Moment vor ihnen. Mit zusammengekniffenen Augen sah Yuen zu den Wächtern hinüber: “Einfach wird das nicht...”

An Bord des Luftschiffes: "Markos?!", rief Emilia hinunter. Erneut keine Antwort. "Verdammt noch mal", murmelte sie leise und eilte die Stufen hinunter, "Irgendwo müssen die doch sein." - "Hier sind wir!", antwortete Markos, der plötzlich aus einem der Räume auf den Flur getreten war. Emilia fiel ein Stein vom Herzen - doch was nun?
“Der König verhält sich eigenartig,” kommentierte Markos besorgt weiter, “Er ist zwar nicht mehr so leblos, aber nach wie vor so starr. Er ist wie benommen und hat irgendwohin wollen…”
“Markos, jetzt komm schon,” rief es aus der Kammer, “Ich kann ihn wirklich nicht alleine zurückha-” Ein schmerzerfüllter Schrei hallte dem jähen Bruch der Worte hinterher und Markos fuhr mit der Aufmerksamkeit über die Schwelle zurück, worauf er förmlich zusammenzuckte.
Ehe er verstehen konnte, hechtete er beiseite und hinter ihm schlitzte ein prächtiges Schwert durch die Wand des Flures, splitternde Holzfragmente über ihn herabregnen lassend. Sich vor Emilia aufrappelnd, erfasste er den benommenen König, der zum Schwert gegriffen und plötzlich angegriffen hatte, sich in ihre Richtung drehend. “...und ihr habt euch wohl generell nicht so gut verstanden…?”, konstatierte die Händlerin überrascht wie gleichwohl schockiert.
“...Emilia…,” murmelte sich Markos über die Schulter zu ihr. Sein Gesicht war nicht mehr besorgt. Es erschien vielmehr überfordert. “Keine Ahnung, was in ihn gefahren ist, wirklich… aber das ist ganz sicher kein Kampf, den ich führen will… den wir führen sollten, oder?” Er sah sich nicht befähigt, seinen König mit Gewalt zurückzuhalten. Klar, es handelte sich um einen vollends gerüsteten Runenrittermeister und er würde ihm vermutlich ohnehin unterliegen, aber was für ihn in diesem Augenblick viel eher zählte, war der Umstand, dass es sich auch um Riwalon Rowenberg handelte, nicht bloss um seinen König, sondern auch um einen Part des Volkes, für das sie hatten kämpfen wollen. Er setzte Fuss in ihre Richtung, sie aus abwesendem Gesichtsausdruck fixierend und mit Blut an der Klinge in seiner Hand.
“Dann sollten wir uns besser schnell etwas überlegen, wenn du den Kampf nicht führen willst…”, merkte Emilia leicht beunruhigt an. Markos stand die ganze Zeit vor ihr. Er zog sein Schwert. Es war eng unter Deck. Kein Platz für einen ausladenden Kampf. Vielleicht war es so möglich den König zurückzuhalten. Es widerstrebte jeder Faser seines Körpers, gegen ihn zu kämpfen, doch wenn er seine Werte verteidigen musste, würde er auch gegen seinen König kämpfen - und er musste siegreich hervorgehen.
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